„Der weiße Hai“ © 1975 Zanuck/Brown Productions | Universal Pictures „Moby Dick“ © 1956 Moulin Productions Inc. | Warner Brothers

Zählt „Der weiße Hai“ (1975) wirklich zum Horror-Genre?

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„Der weiße Hai“ („Jaws“, USA 1975) ist ein Horrorfilm! Punkt.

Wie oft hatte ich die Frage schon gehört? „Warum soll „Der weiße Hai“ ein Horrorfilm sein? Ist dann „Moby Dick“ („Moby Dick“, USA 1956) nicht auch ein Horrorfilm, oder sind nicht beides in Wirklichkeit Abenteuerfilme?“ – Nun ja, also ich muss gestehen, im Vergleich zu heutigen Horrorfilmen, ob mit oder ohne Hai, ist Spielbergs Film nicht so blutrünstig oder effekthascherisch inszeniert. Dennoch, er gehört ins Horror-Genre!

Bedrohung aus der Tiefe: Horror vs. Abenteuer

Der zentrale Unterschied liegt in der Art der Bedrohung und wie diese inszeniert wird. In „Der weiße Hai“ wird der Hai als übernatürliches Monster dargestellt – ein nahezu unbesiegbares Wesen, das fast unsichtbar aus den Tiefen auftaucht und tötet. Die Kamera bleibt oft subjektiv unter Wasser. Die Opfer wissen nichts von der Gefahr, bis es zu spät ist. Dazu kommt der minimalistische, aber maximal wirkungsvolle Soundtrack von John Williams, der die Angst fast körperlich spürbar macht. Im Gegensatz dazu ist der Wal in „Moby Dick“ eine allegorische Figur. Zwar ist auch er ein gewaltiges Tier, das Zerstörung bringt, doch sein Schrecken entspringt weniger der filmischen Inszenierung als der Besessenheit des Menschen – namentlich Kapitän Ahab. Der Wal ist Natur, nicht Horror. Ahab dagegen ist getrieben, philosophisch und tragisch. Hier steht das menschliche Drama im Mittelpunkt, nicht die unmittelbare Angst.

Inszenierung und Genre-Elemente

Wie gesagt bedient sich „Der weiße Hai“ klarer Horrormuster. Suspense und Schockmomente, Monströse Bedrohung, Isolationsgefühl und die Zerstörung des Alltäglichen mit dem Urlaubsort, der zum Albtraum wird. Im Vergleich dazu ist „Moby Dick“ eher ein episches Abenteuerdrama. Der Wal steht Symbolisch für das Unfassbare, für Gott quasi, das Schicksal oder die Natur.

Der Schrecken: Extern oder intern?

In einem Horrorfilm ist der Schrecken oft außen, unkontrollierbar und irrational. In „Der weiße Hai“ ist der Hai keine normale Kreatur, sondern ein mythischer Feind. Ein Schatten, der aus den Urängsten des Menschen stammt, der Angst vor dem Unbekannten.  „Moby Dick“ hingegen verlagert den Schrecken nach innen: Captain Ahab ist derjenige, der durch seine Manie, seinen Hass und seine Hybris Angst verbreitet. Der Wal ist mächtig, ja, aber nicht bösartig. Das Böse liegt im Menschen, nicht im Tier.

Fazit: Zwei Tiere in zwei Welten

„Der weiße Hai“ ist und bleibt ein Horrorfilm. Er spielt gezielt mit Angst, Unwissenheit und Kontrollverlust. Er ist weniger ein Film über einen Hai als über den Terror, den dieser auslöst – real und psychologisch. „Moby Dick“ ist ein Abenteuerfilm mit philosophischer Tiefe. Ein psychologisches Drama über Besessenheit, Größenwahn und den Menschen gegen die Natur.

Obwohl sich beide Filme ein ähnliches Setting und Thema teilen – das Meer, ein großes Tier, ein Kapitän, ein Boot – könnten sie im Ton und in der filmischen Absicht nicht unterschiedlicher sein. Der eine bringt uns zum Nachdenken, der andere lässt uns vor Angst erstarren.


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