High-Rise © 2014 HanWay Films | Film4 | British Film Institute

Die Faszination des urbanen Giganten als Filmkulisse

Avatar von Jan Planinic

Die Art und Weise, wie wir wohnen, spiegelt wider, wer wir sind – unsere Träume, unsere Sorgen und unsere Beziehung zur Welt um uns herum. Wohnraum ist weit mehr als ein Ort zum Schlafen oder Essen; er ist ein Schutzraum, eine Bühne für unser Leben und oft auch ein Spiegel gesellschaftlicher Strukturen. Die Dichte der Großstadt, der Reiz der Einsamkeit oder der Komfort moderner Technik – all das zeigt sich in unseren Wohnmöglichkeiten. In den letzten Jahrzehnten sind Hochhäuser zu einem zentralen Symbol urbanen Lebens geworden. Hochhäuser ragen majestätisch in den Himmel und sind unbestreitbare Symbole für Fortschritt, Macht und Reichtum. Doch hinter ihrer gläsernen Fassade verbirgt sich oft eine andere Seite: Isolation, Entfremdung und die Kluft zwischen sozialen Schichten. Ihre vertikale Architektur wird zum Sinnbild gesellschaftlicher Hierarchien – während oben die Eliten thronen, beherbergen die unteren Etagen die breite Masse. Kein Wunder also, dass Hochhäuser in Filmen immer wieder als kraftvolle Metaphern für menschliche Konflikte und Sehnsüchte dienen und dabei auch mich als Zuschauer sehr faszinieren.

Ein eindrucksvolles Beispiel bietet der dystopische Film HIGH-RISE (2015). Hier wird ein luxuriöses Hochhaus zum Schauplatz eines sozialen Zerfalls. Die stilvolle Architektur, die zunächst Komfort und Eleganz verspricht, wird zum Sinnbild einer Gesellschaft, die sich in Chaos und Gewalt stürzt. Das Gebäude ist nicht nur Kulisse, sondern ein lebendiger Charakter, das die Zerrissenheit der Bewohner widerspiegelt. Neben dieser schaurigen Variante bietet sich der „heimliche Nebendarsteller“ auch gerne für Action-Thriller an. Ihre schwindelerregende Höhe bietet atemberaubende Bilder und macht sie zu Schauplätzen voller Spannung. Für mich ist da STIRB LANGSAM (1988) absolut sinnbildlich und der klassische Vorreiter solcher Filme denn dort wird das Hochhaus (Nakatomi Plaza) zum Labyrinth, zum Schlachtfeld und zur tödlichen Falle zugleich.

Ein weiteres Genre, das die Faszination von Hochhäusern einfängt, ist natürlich der Katastrophenfilm. Beeindruckende Beispiele gibt es da einige, der bekannteste ist wohl FLAMMENDES INFERNO (1974). Aber nicht nur Feuer, sondern auch die Zerstörung durch Erdbeben spielen da keine weniger interessante Rolle. So ist mein Lieblingsfilm ERDBEBEN (1974) ein gutes Beispiel hierfür, denn die einstige Stärke und Eleganz der Hochhäuser von Los Angeles wird da zur Todesfalle und bietet einen der spannendsten Höhepunkte des Films beim Überwinden eines weggebrochenen Treppenabschnitts.

Im Horrorgenre entfalten Hochhäuser ihre beängstigende Seite. Ihre Anonymität, endlosen Flure und engen Räume schaffen nahezu die perfekte Atmosphäre, die Schrecken verstärkt. In POLTERGEIST 3 (1988) wird ein modernes Hochhaus von übernatürlichen Mächten heimgesucht, und zu einem unentrinnbaren Gefängnis. Einer meiner 70er Jahre Filmfavoriten ist DAS UNSICHTBARE AUGE (1978) von John Carpenter. Darin wird ein modernes Hochhaus zur beklemmenden Bühne eines perfiden Katz-und-Maus-Spiels zwischen einer neuen Bewohnerin und einem scheinbar übermächtigen Stalker. Carpenter nutzt das Hochhaus meisterhaft, um eine Atmosphäre schleichender Paranoia und wachsender Bedrohung zu erzeugen, in der das scheinbar moderne und angenehme Leben zur Falle wird.

Trotz all dieser Erklärungen müssen wir uns doch weiter Fragen, warum Hochhäuser eine solch starke Faszination auf uns ausstrahlen. Vielleicht liegt es an ihrem ambivalenten Wesen?! Sie verkörpern die Extreme unserer modernen Welt: den Triumph über die Schwerkraft ebenso wie die Abgründe unserer Gesellschaft. In diese Kerbe schlagen vor allem auch meine absoluten Favoriten DER GROSSE CRASH (2011) und DIE 27. ETAGE (1965). Der Film aus 2011 spielt sich fast ausschließlich in den steril-glänzenden Büros eines Hochhauses in New York City ab, dem Epizentrum des Finanzmarktes. Das Hochhaus wird dabei zum Sinnbild für Macht und wirtschaftliche Überlegenheit. In der Nacht vor dem großen Finanzkollaps wird in diesen Räumen entschieden, welche Opfer für den Erhalt des Systems gebracht werden müssen. In DIE 27. ETAGE (1965) wird ein Hochhaus zur zentralen Kulisse eines undurchsichtigen Verwirrspiels. Die Handlung setzt ein, als der Protagonist nach einem mysteriösen Vorfall in einem Wolkenkratzer plötzlich unter Gedächtnisverlust leidet. Mit seinen düsteren Korridoren, versteckten Büros verstärkt das Gebäude die mysteriöse Atmosphäre und wird zum Sinnbild für die inneren und äußeren Konflikte der Hauptperson.

Als letztes Beispiel würde ich auch noch den Erotikthriller SLIVER (1993) anführen. Oft von Kritikern verpönt, bietet der Film doch eine andere Sicht auf Hochhäuser. Hier sind wir mit einem Gebäude konfrontiert, welches mit einer unglaublichen Technik jeden Winkel des eleganten und modernen Hochhauses beobachtet. SLIVER (1993) präsentiert die Schattenseiten moderner Technologie und urbaner Isolation.

Ob als Symbol für Macht, als Schauplatz packender Action oder als Kulisse für Horror und Melancholie – Hochhäuser bieten Filmemachern unendliche Möglichkeiten, die Dramen und Sehnsüchte ihrer Charaktere zu inszenieren. Das nächste Mal, wenn ihr einen Film schaut, in dem ein Hochhaus eine Rolle spielt, achtet darauf: Oft ist es mehr als nur eine beeindruckende Kulisse.

Weitere Filmbeispiele:

  • Dredd (2015)
  • Andy Warhols Empire (1964)
  • Fahrstuhl des Grauens (1983)
  • Hochhaus des Schreckens (1987)
  • Lost in Translation (2003)
  • The Raid (2011)
  • Rosemaries Baby (1968)
  • Shivers – Der Parasitenmörder (1975)
  • Skyscraper (2018)
  • Vierzehn Stunden (1951)

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