© Internationale Filmfestspiele Berlin

Die Berlinale schafft sich ab

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Die Internationalen Filmfestspiele Berlin – ein Schaulaufen von Menschen, die sich und ihr Leben der Filmkunst verschrieben haben, die Grenzen ausloten und dabei dafür sorgen, dass Deutschland in der weltweiten Bewegtbildszene einen ganz besonderen Platz innehat. Ja, zumindest war das bisher so, seit spätestens gestern ist die Maske gefallen. Die Berlinale ist irrelevant, völlig aus ihrem eigenen Selbstverständnis gefallen und hat nichts mehr zu sagen – außer, wenn es um Provokation geht.

Dabei ist es natürlich wichtig zu betonen, dass die Berlinale immer schon für veritable Skandale gesorgt hat. 1961 brach Jayne Mansfield mit bis zu diesem Zeitpunkt gültigen Kleidungskonventionen, 1970 wurde das Festival aufgrund des Films „o.k.“ von Michael Verhoeven beinahe abgebrochen, 1979 verließen gegen den Film „The Deer Hunter“ protestierende Ostblock-Delegationen die Berlinale, 2001 dann der Intimitätstabubrecher „Intimacy“ – ja, und dann wurde es politisch. Wo bislang in erster Linie Filme die Schlagzeilen dominierten, entschied man sich, auch tagespolitisch und, vor allem, aktivistisch tätig zu werden und bereitete still und heimlich das Ende der künstlerischen Wahrnehmung der Berlinale vor.

Gegen den ersten Leiter der Berlinale, Alfred Bauer, werden 2020 plötzlich Vorwürfe laut: Er war NSDAP-Mitglied und eine Untersuchung von Historikern legt auf den Tisch, dass er auch in der Reichsfilmintendanz tätig war und somit auch einen Beitrag zum deutschen Filmwesen im dritten Reich geleistet hatte. Bereits dort fährt man mit dem Dampfhammer hinein und setzt den nach ihm benannten Preis aus, ab diesem Moment wird der „Silberne Bär der Jury“ verliehen. Und dann kam 2024 und der absolute Tiefpunkt, an den wir uns wahrscheinlich heuer bei den Oscars allesamt noch einmal erinnern dürfen, wenn nämlich auch nur einer glaubt, dass das dort anders laufen wird – vergesst es. Der Dokumentarfilm „No Other Land“ wird ausgezeichnet, und die Dankesrede gerät zu einer antisemitischen Tirade, gerade vor dem Angesicht des kürzlich zurückliegenden Hamas-Massakers nichts anderes als eine riesige Provokation. Jene wurde dann natürlich auch bereitwillig aufgegriffen, auf den Straßen und Plätzen Berlins kam es zu Pro-Palästina-Kundgebungen, garniert mit Hassreden der verachtenswertenden Sonderklasse. Merke: Wenn du es im Marketing, vor allem in linkslinken Medien, notwendig hast, deinen Film als „pro-palästinisch aktivistisch“ zu positionieren, sollte man als Festivaljury eigentlich wissen, was man in der damaligen politischen Lage zu tun hat. Oder auch nicht zu tun hat, vor allem sollte man da sehr vorsichtig sein gegenüber völliger Apathie.

In einem Land, in dem angesehene Filmkritiker ernsthaft behaupten, es hätte ein „Geschmäckle“, den Film „September 5“ überhaupt zu veröffentlichen, sollte man da auf jeden Fall daraus lernen und solchen Strömungen den Stecker ziehen. Und zwar schnell. Doch: Die Organisatoren der Berlinale leben nach dem Disneyprinzip: Je mehr Leute du verärgerst, desto besser – jede Schlagzeile ist gut. Wo wir bei der heurigen Eröffnung angekommen wären. Erst präsentiert sich Luisa Neubauer, anerkannte Filmexpertin, Regisseurin, Drehbuchautorin, Produzentin oder aber auch Expertin für eh alles am roten Teppich, samt Kleid mit eindeutiger politischer Botschaft (natürlich wieder einmal verkürzt, aber für mehr Wörter war an dem Stofffetzen wohl kein Platz mehr) und dem expliziten Dank an das Festivalkomitee fürs „Möglichmachen“. Na ja eh. Kurz darauf erblickte man Meret Becker und Anna Thalbach mit einem „Fanschal“ für die zivile Seenotrettung samt politischem Appell.

Tilda Swinton eröffnete mit einer Rede anlässlich der Verleihung des Goldenen Bären für ihr Lebenswerk und hat bereits einen Vorgeschmack auf das gegeben, was uns in Kürze wieder in L.A. bei den Academy Awards erwarten wird: Es wurde eine Abrechnung, die „richtigen“ Medien feiern diesen Auftritt und Ricky Gervais hat am Ende dann doch wieder recht. „They still aren’t listening“. Ja, wenn man mit Kunst so gar nicht mehr auf sich aufmerksam machen kann, muss es anscheinend so gehen. Steht ja jedem frei, überhaupt keine Frage, und die Sache an sich mag wichtig und relevant sein, aber, und da kommen wir zum Kern meiner Aussage: Lasst doch die Filmfestivals in Ruhe! Vergönnt uns doch einfach wieder die Auseinandersetzung mit Filmkunst, ohne doppelten Boden, ohne große Gesten! Kann ja wohl nicht sein, dass Lars Eidingers bestes Stück im Eröffnungsfilm mittlerweile so in den Hintergrund rückt und man sich über einen banalen Tykwer-Streifen so gar nicht mehr echauffieren will…

Als Filmfestival an sich hat die Berlinale versagt, auf allen Linien. Aber immerhin kann man sich als „polarisierend“ und „provokant“ vermarkten. Damit liegt man zumindest im Trend und produziert Schlagzeilen. Nur leider aus den falschen Gründen.


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