Unsere Filmcommunity hier ist eine spannende Sache manchmal. Filmliebe verbindet uns, sie lässt uns diskutieren: Kontrovers, oft leidenschaftlich, aber immer für die Sache brennend – Film ist unsere Leidenschaft. Doch manchmal bekommt dieses Bild Risse, und ganz besonders tragisch wird’s dann, wenn man sich die Frage stellt: „Ist das normal so?“ Und: „Gehört sich das vielleicht sogar?“ Aber so wollte ich das ja eigentlich nie. „Bin ich Teil des Problems?“ Lasst mich erklären.
Gestern kamen die Oscarnominierungen 2026 heraus, und die Filmwelt versammelte sich wie jedes Jahr. Blickte gemeinsam nach Hollywood, wollte wissen, was hier ganz vorne stehen würde. Mittendrin natürlich auch ich mit meinem kleinen YouTube-Kanal und einer Live-Reaktion am Start. Bereits im Vorfeld habe ich meine Vorhersagen getroffen und war genauso gespannt wie alle anderen mit demselben Interesse, ob ich dieses Mal mehr Glück haben würde als letztes Jahr. Meine Reaktion war also gefilmt, hochgeladen – und plötzlich brach die Hölle los. Nicht bei mir in den Kommentaren, sondern auf YouTube. Dieser ach so hochgelobten Plattform, wo wir ja „alle Freunde sind“ in dieser Community – und doch wurde mir schnell klar, dass das mittlerweile ein Niveau erreicht hat, unter dem man eigentlich nicht mehr bedenkenlos Limbo tanzen kann, ohne sich alle Wirbel zu brechen. Eventuell brauchts das aber in Zeiten wie diesen, um dort erfolgreich zu sein.
Ich stelle euch hier drei verschiedene Typen von Filmfans vor, die mir in den letzten zwei Tagen dort begegnet sind, teilweise in Kommentaren, aber vorwiegend – ja echt – vor der Kamera und mit einer riesigen Reichweite. Und von denen ich der Meinung bin: Wenn das so weiter geht und diese Typen immer größeren Erfolg haben – dann ist die Filmdiskussion online am Ende. Ich werde mir natürlich Kanalnamen tunlichst sparen, aber glaubt mir: Ihr kennt sie alle. Ihr habt sie alle in den Empfehlungen und merkt gar nicht, wie sehr sie das, was wir alle so lieben, schrittweise vergiften.
TYP 1: Der Besserwisser / Filmtwitter
Das sind die Jungs und Mädels, die, mit ihren Smartphones gezückt, vor der Kamera sitzen, das Mikro wahlweise in der Hand haltend oder am Boom Arm montiert, im Hintergrund leuchtet eine grelle Farbe auf ein oder mehrere Paneele. Die Person selber, wenn männlich, trägt entweder einen leicht angedeuteten Moustache oder Koteletten, die Haare stehen wild ab, meist nach oben gestylt oder naturgelockt – die Mädels vertrauen auf getöntes Haar und Trainingstop (gern bauchfrei). Und mitten unter diesen optischen Glanzleistungen findet sich ganz viel Meinung, und zwar ganz viel. Vorwiegend zu den Filmen, die man einfach „liebt“. Davon gibt’s pro Jahr auch echt viele, und – aufgepasst: Keiner davon darf richtig erfolgreich sein. Denn man muss sich unbedingt von der Masse abheben, man gehört zur Filmelite. Kleine Filme, meist unter 10Mio Boxoffice weltweit, die sind das Beste des Jahres, immer und überall. Wenn diese Filmperlen bei großen Awardshows nicht vorkommen, dann „lassen sie das Internet brennen“, „zünden eine Kerze an für…“ oder drehen völlig am Rad – vor allem gegen jene, die ihrer Meinung nach Schuld sind daran, dass ihr Darling übergangen wurde (auch wenn man das so gar nie sagen kann, denn Ranglisten veröffentlicht man ja seitens der Veranstalter nie, aber sei’s drum). Vor allem muss man unbedingt gegen alle schießen, die älter sind als man selber, die weiß sind, männlich sind und denen traditionelles Blockbusterkino (auch Dadmovies genannt) gefallen. Die gehören nämlich alle weg, ja, die verstellen die Sicht auf wahre Filmkunst. Ich breche es auf diese Veranstaltung heuer herunter: Dir gefiel F1 oder Kate Hudson in „Song Sung Blue“? Sakrileg! Ahnungsloser! Und glaubt mir, Leute – in den Kommentaren wird’s noch viel blöder. Da wird das Ganze nämlich sofort – na, kommt ihr drauf – politisch. Genau. Meine Güte, wie mich die nerven, ich kanns euch gar nicht sagen
TYP 2: Der Nichtswisser
Von denen werdens immer mehr, bemerke ich. Das ist halt so – da auf YouTube kanns halt auch jeder probieren, und leider machen das auch viele von denen, die eigentlich überhaupt nicht wissen, wovon sie da sprechen. Haben keine Vorstellung davon, wie eine Awardseason funktioniert, welche Kriterien es da gibt, welche Menschen da was genau zu sagen haben und nach welchen Regeln wir hier spielen. Gut, jetzt werdet ihr sagen: Wenn jemand keine Ahnung hat, kann er ja auch nicht erfolgreich sein. Und da widerspreche ich aber gehörig: Doch, können sie. Sind sie. Gerade hier, im deutschsprachigen Raum, gibt es große Kanäle, die ebenso meinen, Reactions auf diese Oscarnominierungen machen zu müssen, aber sie wissen nichts. Sie kennen keine Nominierten, sie kennen keine Regeln, sie kennen keine Modi. Ihnen sagt der Begriff Precursor genau so wenig wie Gilde oder Shortlist, sie wissen nach so vielen Jahren noch immer nicht, warum der Ablauf der Show so ist, wie er ist, sie verstehen das Konzept einer Alphabetisierung bei den Nominierungen noch immer nicht, wichtig aber auch hier: Ganz viel Meinung. Und das ist peinlich, Leute. Bitte nicht böse sein, der Versuch ehrt euch echt, aber bitte, wenn ihr so etwas macht, dann holt euch Gäste in eure Show oder auf euren Kanal, die wissen, wovon sie sprechen.
TYP 3: Der Cultural Critic
Und dann kommt der ganz unerträgliche Typ, der vor allem bei ganz bestimmten Kanälen immer noch zu finden ist, der ganz viel Reichweite generiert, weil er vor allem eines ist: Richtig laut. Der kennt sich auch nicht wirklich aus, macht das aber wett durch Dezibel und ganz wildes Vokabular. Das sind jene Typen, die sich noch immer darüber aufregen, dass internationale Filme bei den Oscars vorkommen, die nur amerikanische Filme dort sehen wollen und von denen auch nur jene ohne Minderheiten. Sinners – überbewertet, weil Schwarze dabei. One Battle? Hat da nix verloren, weil nur Message. Um das auf vorherige Verleihungen auszudehnen: Keine Musicals – das ist ja nur was für Mädchen, keine romantic Movies – schließlich sind wir ja Männer. Und – das ist dann aber wirklich richtig witzig – ihn kümmern die Oscars eigentlich gar nicht. Sind ja sowieso völlig irrelevant, wer schaut denn die überhaupt noch? Außer er, natürlich. Weil irgendwie verdient er ja daran, oder? Also für ihn gilt das ja alles nicht. Ihr sollt das aber alle alles ganz fürchterlich finden. Ganz wichtig. Eigentlich will ich über die aber gar nicht mehr so viele Worte verlieren, denn auch die kennt ihr alle. Aber mich strengt sowas an.
Ich sag’s euch ganz ehrlich – es macht müde. Gerade ich, wo auf meinem Kanal regelmäßig Filmbesprechungen erscheinen und ich schon auch meine Meinung zum Thema mache, aber: So kann es doch nicht sein. Gerade in Zeiten wie diesen, wo Filmstudios nicht mehr für uns Filmfans, sondern für Content produzieren – da müssen wir doch an einem Strang ziehen. Das wird aber wohl ein Wunschtraum bleiben. Natürlich kann man vieles, was da gestern passiert ist, auch kritisieren. Na freilich, da bin ich mir auch in der Vergangenheit nie zu schade gewesen dafür. Aber: Immer mit Respekt für die Sache. Sehen aber halt nicht alle so, blöderweise.

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