Die heurige Awardseason ist vor allem eines: Wild. Selten hatte ich den Eindruck, dass der gesamte Zirkus so emotional aufgeladen ist wie noch nie. Fast alle Filme, die für die Königskategorie „Best Picture“ nominiert sind, werden von größeren oder kleineren Kontroversen begleitet. Die Leidtragenden? Das sind wohl zweifelsohne wir, diejenigen, die sich mit dieser Zeit beschäftigen. Die, die noch immer etwas auf diese Awards geben. Doch ich sag’s euch ganz ehrlich: Mittlerweile wünsche ich mir, diese Zeit wäre endlich vorbei. Ich mag nicht mehr. Und falls ihr euch jetzt fragt, warum das so ist – nach diesem Artikel sollte euch das klar sein.
Emilia Perez – ein Verlust für alle Beteiligten
Beginnen wir beim größten Brocken, sowohl aus filmischer als auch gesellschaftlicher Sicht. Nicht nur das – dieser Film ist, trotz aller Unkenrufe, haushoher Favorit für den Hauptpreis bei den Academy Awards. 13 Nominierungen, die Chance auf 12 Auszeichnungen, somit am Weg zum All-Time-Record. Und wisst ihr was? Mittlerweile hoffe ich sogar darauf, dass die Academy das tatsächlich auch so tut. Denn: Es wird Zeit, dass die Industrie selber draufkommt. Es wird Zeit für eine Reinigung. Und diese, das wissen wir, geschieht erst ab dem Moment, an dem man erkennt, dass es so nicht mehr weitergehen kann. Fassen wir kurz zusammen, was diesen Film so umgibt:
- Der Film wurde von einem französischen Regisseur auf Spanisch gedreht. Dieser Regisseur hat bereits zu Protokoll gegeben, dass er bewusst in einem Studio und nicht vor Ort in Mexico gedreht hat, weil ihm die reale Umgebung zu wenig „mexikanisch“ ausgesehen hat. Weiters ist er, laut einer Aussage bei einer Podiumsdiskussion in Europa, der Meinung, Spanisch wäre „nur“ die Sprache von Kriminellen und unterentwickelten Ländern. Ach ja, wo wir schon davon sprechen: „You’re welcome“, also „gern geschehen“ wird in diesem Film mit „Bienvenido“ übersetzt. Finde den Fehler.
- In Mexico ist mittlerweile die Regierung am Zug und verhandelt mit Kinobetreibern dort, um der Flut an Refundforderungen des Publikums nachzukommen. Der Grund: Mexico wird, laut Locals (und um die geht’s) in einer Form dargestellt, die sie für geschäftschädigend im Bezug auf den Tourismus wahrnehmen. Kurzum: Das Publikum in Mexico fühlt sich völlig falsch repräsentiert und in einer Art und Weise portraitiert, die als Beleidigung der Kultur und Lebensart aufgefasst wird. Noch dazu ist keine der Hauptrollen mit mexikanischen Schauspielern besetzt – andere Filme, so viel ist sicher, würden für so etwas gegrillt werden wie ein gutes Steak am Holzofengrill.
- Auch die Transcommunity mag diesen Film nicht. Der Grund hierfür liegt in der Art und Weise, wie hier mit dem Thema Geschlechtsumwandlung umgegangen wird. Diese fungiert hier nämlich als eine Art „Ticket“ ins bessere, unkompliziertere und vor allem unproblematische neue Leben. „We aren’t trying to „escape“ ourselves, we’re becoming ourselves“, so der Tenor. Um da mehr dazu zu sagen, fehlt mir die persönliche Connection, das maße ich mir auch nicht an, aber so viel: Wenn selbst die Leute, für die du einen Film machst, deinen Film nicht mögen, hast du ein Problem mit deinem Film.
- Die Hauptperson Karla Sofia Gascon hat jetzt aber auch dafür gesorgt, dass endgültig alle Fassaden fallen. In einem Tweet verglich sie die Kritik am Film „Emilia Perez“ mit dem Holocaust, löschte diesen Tweet kurz darauf, stellte dessen Account auf „privat“ und veröffentlichte zwei Stunden später genau diesen Tweet noch einmal in voller Länge. Damit nicht genug: Das Internet ist schuld. Die Worte wurden manipuliert und interpretiert. Aha.
- Inmitten dieser ganzen Kontroversen tauchte vor kurzem auch ein Clip von Zoe Saldana auf – offensichtlich hat das Internet nie gewusst, dass sie vor Jahren Nina Simone in einem Biopic gespielt hat – und verlangt von ihr als Schauspielerin dafür eine Entschuldigung. Weiters gibt es einen weiteren viralen Tweet, in dem sie als Zionistin betitelt wird, weil sie vor einiger Zeit den damaligen US-Präsidenten Joe Biden für seine Linie gegenüber der Hamas gelobt hat. Ihre Oscarkampagne scheint hier beendet.
- Und das alles, und jetzt kommts, tut dem Film nicht weh. In keinster Weise. Gar nicht. Ganz im Gegenteil: Die Hollywoodelite rückt aus zur Verteidigung. Mit jeder neuen Kontroverse erscheint ein weiterer A-Lister und preist den Film, dessen künstlerische Ausrichtung und ach so mutige und wichtige Botschaft. Unfassbar.
- EDIT 1.2.2025: Alte Tweets von Karla Sofia Gascon sind aufgetaucht, und: Die Person hat ihren Twitteraccount mittlerweile gelöscht. Warum? Rassistische und xenophobe Attacken auf Muslime, das BLM-Movement, die Oscars 2020 und auch die Covid-Pandemie war Thema dort. Das alles unterstützt übrigens das Gefühl, das ich mittlerweile habe: Mich würde es nicht wundern, wenn sich das alles am Ende als riesiger Stunt entpuppt – ein großer Versuch, der Entertainmentindustrie den Spiegel vorzuhalten.
Ich kann mich nur wiederholen: Sollte die Academy tatsächlich dieses Machwerk mit einem Best-Picture-Oscar auszeichnen, ist nichts mehr so, wie es war. Der Oscar wäre entwertet, völlig irrelevant. Qualität wäre nicht mehr ein Maßstab, ab diesem Moment gälten eigene Gesetze. High Noon, quasi. Schade für uns als Filmfans, aber: Vielleicht braucht es wieder einmal einen großen Crash. Und wie Phönix aus der Asche entsteht alles neu.
The Brutalist – Wie ehrlich war der Protest gegen KI?
Vor kurzem noch standen sie Hand in Hand auf der Straße, all die Schauspielerinnen und Schauspieler, Drehbuchautoren und -autorinnen, und sie alle machten sich stark gegen das Schreckgespenst der Zukunft: AI wird uns alle vernichten. Und dann haben sie sich geeinigt, und spätestens jetzt ist klar, worum es in diesem Streik wirklich ging: Ums Geld, wie immer. Denn: Es scheint akzeptiert, dass AI Einzug hält. Die ungarischen Akzente wurden angepasst, die Berichte gehen auseinander, wie viel Technik da wirklich dahintersteckt. Akzeptiert ist das aber mittlerweile in der Industrie, offensichtlich. Und ja, stimmt, nicht nur bei diesem Film hat man das gemacht. Auch bei Emilia Perez wurde die Singstimme von Gascon höher gepitcht. Weil Frau halt. Add that to the list.
Anora oder: Wenn sich sogar die Industrie nicht mehr an Regeln hält
Auch dieser Film von Sean Baker bleibt nicht verschont, und das wird jetzt wirklich interessant: Hauptdarstellerin Mikey Madison berichtete von einem Backlash ihr und dem Film gegenüber, denn sie habe aus freien Stücken auf den „intimacy coordinator“ verzichtet. Wir erinnern uns: Der MUSS mittlerweile an jedem Film, der bestimmte Szenen beinhaltet, vor Ort sein, einbudgetiert werden und zur Verfügung stehen. Die Industrie steht Kopf, denn: Wer weiß, wie sich die Statisten gefühlt haben, als diese Szenen gedreht wurden? Welche Gedanken wohl alle anderen am Set hatten? Wisst ihr, wer ihnen egal ist? Mikey Madison, offensichtlich. Doch das ist nicht alles: Auch der nominierte Nebendarsteller Yura Borissow ist under fire, stellte sich doch, wieder mal via Social Media, heraus, dass er bereits in Propagandafilmen von russischer Seite aus aktiv war. Und: Das Criterioncover der Bluray sorgt für Wirbel, denn man wirft Sean Baker Misogynie vor. Obwohl das Cover eine Hommage an „Vampyros Lesbos“ darstellt. Aber hey, America, right?
Konklave – und ein dritter Akt, der polarisiert
Auch wenn ich mir gedacht hätte, dass das noch stärker durch die Decke geht: Reden sollte man schon darüber. Immerhin: Berger wurde nicht als Regisseur nominiert und auch sonst weiß ich nach wie vor nicht, wie stark der Film wirklich ist im Rennen um die goldenen Statuen. Eigentlich wäre es nicht der Rede wert, wenn Ben Shapiro und Megyn Kelly deinen Film nicht mögen (natürlich wegen dem Ende), trotzdem: Es ist bemerkenswert still hier. Kommt da noch was?
Wicked – und das Fandom dreht durch
Selena Gomez hat Fans. Viele. Und Ariana auch. Ganz viele. Und eine wurde nicht für den Oscar nominiert. Die andere schon. Könnt ihr euch denken, was da los ist. Next.
A Complete Unknown – Jimmy Carter im Fokus
Auf leisen Sohlen schleicht sich da ein Dark Horse an: 8 Nominierungen, viele große Kategorien – die Academy mag Bob Dylan. Und James Mangold. Und alle mögen, so scheint es, Timothée Chalamet. Bis vor 3 Tagen. Da hostete er nämlich SNL und bewies dabei, dass auch er nicht unverwundbar ist, mehr noch: Er hat sich da leider selber ziemlich ins Knie geschossen. In einem Workout-Sketch rief er die Worte „Jimmy Carter“, worauf alle anderen Schauspieler on stage scheinbar leblos zusammenbrachen. Comedy is dead, offensichtlich. Deutlicher wird’s nicht mehr.
The Substance about kissing underaged boys
Demi Moore scheint heuer als logische Siegerin festzustehen – oder? Naja, wie das so ist: Das Internet vergisst nie, und egal, wie oft dir etwas schon um die Ohren geflogen ist und wie lang her bestimmte Dinge schon sind, wir wissen – es gibt Leute, die werden nie ruhen, bis du wieder am Boden liegst. So geschehen nach dem Globeswin: Plötzlich taucht ein Video von vor 40 (!) Jahren auf, das zweite Mal nach 2012, in dem sie einen damals 15-jährigen Jungen küsst und scherzhaft mit ihm „flirtet“. Sie war damals übrigens 19 Jahre alt. X geht steil, und damit scheint auch für sie alles erledigt, was mit dem Oscar zu tun hat.
I’m still here und die Frage: Wie wild kanns noch werden?
Na dann bleibt ja eh „nur“ mehr der brasilianische Beitrag „I’m still here“ übrig, oder? Falsch, denn auch hier gibt es einen Blackface-Skandal rund um Hauptdarstellerin Fernanda Torres. 2008 war das, nur so zur Info. Sie hat sich dafür bereits selber entschuldigt, allerdings ist damit noch nicht alles vorbei – gerade in US-Medien versucht man aktuell, daraus einen veritablen Rassismusskandal zu zimmern. Woran das wohl liegt? Drei Mal dürft ihr raten…
Ach, wisst ihr, ich wünsche mir die Zeit zurück, in der es kein Social Media gab. In der Filme noch Filme waren, in der man sich noch auf solche Awardsshows freuen durfte. Die Konsequenz aus diesem Artikel? Keine Ahnung. Aber es scheint so: Wenn ihr einen Preisträger ohne Kontroversen wollt: Zeichnet halt wirklich den besten Film des heurigen Jahres aus. So einfach kann das manchmal sein. #dune2ftw


Kommentar verfassen