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Die Erfindung des Kinos (1895)

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Ein jeder Filmfan der sich irgendwann einmal fragte, wer denn wann das Kino erfand, musste schnell feststellen das die Erfindung des bewegten Bildes, nicht nur einem einzigen Individuum zuzuschreiben ist, sondern mehrerer Generationen von Menschen, die zunächst einmal (gemalte) Bilder projizieren, reale Menschen und Orte fotographieren und diese Fotos dann am Schluss bewegen wollten. 

Nachdem schon im 17. Jahrhundert die Laterna Magica viele Menschen zum staunen brachte, da sie mithilfe einer Kerze oder Öllampe bemalte kleine Glasbilder, unter Zuhilfenahme einer Linse, farbig und Raumfüllend an die Wand geworfen werden konnten, sahen sich die folgenden Generationen von Erfindern und Geschichtenerzählern immer wieder dazu herausgefordert dieser neuen Form von Unterhaltung, durch neue technische Erfindungen immer wieder neue Möglichkeiten zu bieten, um Geschichten „lebendiger“ zu erzählen. Aus den Theatern lieh man sich Ideen wie man die gläsernen Bildkulissen malen und gestalten könnte.

1832 hatten dann zeitgleich (ohne jeweils das Wissen über den anderen) der Belgier Joseph Plateau und der Österreicher Simon Stampfer die Idee für das „Lebensrad“ (Phenakistiskop). Auf einer kreisförmigen Scheibe wurden am Rand entlang Figuren oder Menschen gezeichnet, in verschieden Positionen (Phasen) einer Bewegung (wie zum Beispiel „gehen“ oder „tanzen“). Zwischen diesen Zeichnungen befanden sich Sehschlitze, durch welche der Zuschauer hinter der Scheibe durchschauen musste, um dann in einem Spiegel gegenüber die sich nun bewegenden Figuren betrachten konnte. Dafür musste sich die Scheibe natürlich gleichmäßig drehen. Diese Art bewegte Bilder zu erzeugen fand bald viele Nachahmer, die ihre Scheiben und Guckkästen weltweit auf Kirmessen und Jahrmärkten zur Schau stellten.

Zur Mitte des 19. Jahrhunderts bescherte dann die Photographie (nach ihrer Erfindung 1826) der Menschheit die Chance Orte, Ereignisse oder Personen nahezu lebensecht abzubilden und für die Ewigkeit zu erhalten. Dieser Quantensprung im technisch visuellen Festhalten der Realität auf Fotoplatten, Papier oder später Filmen, wurde schnell zum Siegeszug dieses neuen Mediums. Künstler, Erfinder, Schausteller, Reporter, Historiker, Politiker, Familien und Tiere wollten alle schnell auf Photographien von Photographen festgehalten werden. 

Die Steigerung hiervon waren dann die Serienfotos von dem Briten Eadweard Muybridge, der 1887 damit begann Menschen und Tiere bei verschiedenen Bewegungen mehrfach hintereinander zu fotografieren. Brachte man diese Bilder dann ähnlich wie beim Lebensrad in schnelle Abfolge (zum Beispiel in einem Guckkasten), so entstand die Illusion der „Bewegung“. Doch diese sehr kurzen Sequenzen mit sich immer gleich bewegenden Menschen und Tieren waren in ihrer Präsentation und Rezeption sehr einschränkend, da sie Aufgrund ihrer extremen Kürze (meist nur zwei drei Sekunden) oft sehr fragmentarisch wirkten. Damit konnte man die Zuschauer zwar kurz in Verzückung versetzen, aber keinen Abend lang unterhalten. Die Bilder mussten viel mehr werden um längere „Ereignisse“ wiedergeben zu können. Man wollte die Realitätsmächtigkeit der Photographie, mit den Erfahrungen der Bewegungsillusionen verbinden und nun dabei auch „Erzählerisch“ mehr Zeit gewinnen.

Als 1887 Hannibal Goodwin das Patent für Zelluloid erhielt (einen Kunststofffilm auf dem sich mehrere Fotos nebeneinander belichten ließen), konnte dann der geniale Erfinder und Unternehmer George Eastman diesen zu einen industriell normierten Filmstreifen weiterverarbeiten, den Rollfilm. Nun konnten Photographen Zeit, Platz und Geld sparen, da die Filme viel Handhabungsfreundlicher und effektiver waren als die alten großen Photoplatten. Diese praktikable Erfindung rief nun weltweit diverse Erfinder auf den Plan welche sich mit der Frage beschäftigten ob man diese Photofilme auch dafür verwenden könnte um sehr realistische bewegte Bilder zu drehen und dann wiederzugeben. Alles was man dafür brauchte war ein Aufnahmegerät (Filmkamera) und eine Abspielgerät (Filmprojektor). 

Da es in Bezug auf die Frage „Wer als erstes eine öffentliche Filmvorführung veranstaltete“ über viele Jahrzehnte der Filmwissenschaften recht leidenschaftliche Diskussionen gab, sieht es heute das Groß der Fachleute so, das man die erste wirkliche Kinovorstellung der Welt, dem französischen Brüdern Auguste und Louis Lumière am 28. Dezember 1895 in Paris zuschreibt. Im dortigen „Grand Café“ bekamen die begeisterten und erstaunten Zuschauer die ersten 10 bis 30sekündigen Filmsequenzen (ohne Schnitt und ohne Ton) im klassischen schwarz/weiß zu sehen. Gezeigt wurden Szenen aus dem Pariser Alltag wie Straßenszenen, Fütterung eines Babys oder das einfahren eines Zuges in einen Bahnhof (dicht an der Kamera vorbei). Dabei entstand die Legende das einige ZuschauerInnen recht laut erschrocken seien, als der Zug „scheinbar“ mitten auf sie – durch die Leinwand hindurch – zufuhr. Egal ob dies wirklich so gewesen sein mag (vorstellbar ist es), dieser Moment war nicht nur die Geburtsstunde dessen was wir heute als Kino kennen, sondern es gab einem auch eine erste handfeste Vorstellung davon, zu was das Illusionsmedium „FILM“ auch außerhalb von Jahrmärkten fähig war, nämlich die Menschen zu faszinieren, zu erheitern, zu erschrecken, sie einige Momente ihres tristen Alltags vergessen zu lassen, Magie erzeugend in einem dunklen Vorführraum. 

Auch wenn Edison „filmischer“ Guckkasten auf Jahrmärkten schon vorher Erfolge feierte und die beiden deutschen Brüder Erfinder Max und Emil Skladanowsky schon am 01.11.1895 in Berlin kleine Filmsequenzen öffentlich vorführten, so waren es doch die Gebrüder 

Lumière die dem ganzen Ereignis (die öffentliche Präsentation eines neuen Mediums) einen feierlicheren und würdigeren Rahmen gaben. Zum einen sahen sich die Skladanowsky Brüder mehr als Schausteller und Theatertechnikbetreiber, nie als wirtschaftlich orientierte Filmproduzenten (es gab keine Abnehmer für Ihre Filme, es gab keine Weiterentwicklung ihrer Verwertung). Zum anderen waren die gewählten Filmthemen oft gleich und weniger inspiriert als bei den Lumières. So zeigten sie hauptsächlich Varietèkünstler bei der Arbeit in Hinterhöfen und Zirkussen. Nach wenigen Jahren wandten sie sich die Skladanowskys dann auch wieder anderen Themen zu. Trotzdem hat ihre Erfindung des „Bioskops“ (so ihr Kamera- und Patentname) einen festen Platz in der Filmgeschichte gefunden. Denn es waren viele unterschiedliche Erfinder, welche parallel (oft nicht voneinander wissend) bis zum Ende des 19. Jahrhunderts erste Aufnahme- und Abspielgeräte erfanden und patentierten. Edison, die Lumières und die Skladanowskys waren dabei nur die schnellsten und berühmtesten.

Deswegen gilt die Ehre der Erfindung dieser neuen Technik allen Erfindern die damals tätig waren, denn das Thema „Kinematographie“ (Film) lag in der Luft. Unter den Zuschauern im „Grand Café“ an jenem Abend in Paris, saß übrigens ein Stadtbekannter Zauberkünstler namens Georges Méliès, der angeblich die Gebrüder Lumière dazu überredete ihm nach der Vorstellung noch einmal, noch einmal und noch einmal die Filmsequenzen zu zeigen. Der Zauberer hatte Feuer gefangen und gründete nur wenige Zeit später sein eigenes Filmstudio, in welchem er vornehmlich phantastische Filme (die nun mehrere Minuten und länger waren) produzierte die mit Spezialeffekten garniert waren, die noch nie ein Mensch zuvor gesehen hatte (z. B. StoppTricks, Doppelbelichtung, usw.). Méliès, der Erfinder der filmischen Spezialeffekte drehte 1902 in Paris den ersten Science-Fiction Film der Filmgeschichte, Jules Vernes „Reise zum Mond“ (1902). 


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