John Carpenters vergessener Thriller zwischen Fernsehdrama und Stilübung
Es ist ein TV-Film. Ja, genau! Damals gedreht für NBC und auch ich habe ihn damals vor VHS und DVD und inzwischen als MediaBook zunächst im TV im Spätprogramm bewundern dürfen. In den Videotheken erschien der Film geschlagene 9 Jahre nach seiner Premiere. Immerhin, könnte man sagen – geschafft haben dies nur wenige TV-Filme. Aber warum ist dieser Film so interessant? Nur wegen dem großen Namen Carpenter? Schauen wir uns das mal genauer an!
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Zunächst einmal die Story: Die Geschichte ist einfach, fast schon Hitchcock-klassisch: Die junge Fernsehregisseurin Leigh Michaels zieht in ein Hochhaus in Los Angeles. Kurze Zeit später beginnt ein Unbekannter, sie zu beobachten, zu stalken, mit ihr zu spielen – erst subtil, dann immer aggressiver. Was folgt, ist ein paranoides Katz-und-Maus-Spiel, das lange im Kopf, nicht im Körper stattfindet – bis die Eskalation unausweichlich wird. – Klingt vertraut? Kein Wunder. Carpenter hat später zugegeben, sich stark von DAS FENSTER ZUM HOF (1954) inspirieren zu lassen – mit einem entscheidenden Twist: Diesmal ist es eine Frau, die im Zentrum des Thrillers steht.
Eines fällt sofort auf: Carpenter selbst hat keinen Soundtrack beigesteuert. Das ist ungewöhnlich, gerade weil er sonst fast immer auch für die Musik verantwortlich war. Dennoch ist seine Handschrift spürbar – in der Kameraarbeit, in den langsamen Zooms, im Spiel mit Blickachsen und Raumachsen. Lange Einstellungen durch enge Gänge, das Spiel mit Licht und Schatten – man fühlt sich stellenweise wie in einer Vorübung zu HALLOWEEN (1978) oder THE FOG (1980). Was ich besonders spannend finde: Die technische Inszenierung ist für einen TV-Film erstaunlich ambitioniert. Es gibt Steadicam-Arbeit, die zu der Zeit im Fernsehen fast nicht vorkam. Der Einsatz von Perspektive, Architektur und Spiegelungen zeigt, wie sehr Carpenter bereits damals mit filmischen Mitteln erzählt hat – auch ohne Blut, Masken oder Synthesizer.
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Lauren Hutton war nie die erste Wahl, wenn es um psychologisch vielschichtige Rollen ging – umso mehr überrascht sie hier. Ihre Leigh Michaels ist weder passives Opfer noch Actionheldin. Sie wirkt realistisch – eine Frau, die zwischen Selbstzweifel und Mut oszilliert, die nicht immer logisch handelt, aber dadurch umso glaubhafter wirkt. Ihre Reaktionen auf das zunehmend bedrohliche Verhalten des Stalkers wirken niemals hysterisch, sondern nachvollziehbar. Das macht sie zur vielleicht authentischsten Carpenter-Hauptfigur noch vor Laurie Strode. Adrienne Barbeau hat eine Nebenrolle als Kollegin und Freundin. Sie bringt mit ihrer selbstbewussten, offensiven Art einen modernen Ton in den Film. Ihre Figur ist lesbisch, was 1978 im US-Fernsehen durchaus mutig war, aber nicht sensationalistisch inszeniert wird. Adrienne Barbeau durfte ich 2016 bei einer Filmconvention kennenlernen. Dabei habe ich mir von ihr ein Autogramm auf meiner DVD zu DAS UNSICHTBARE AUGE (1978) geben lassen. Ein tolles Treffen mit dieser Frau die eine unglaublich sympathische Ausstrahlung besitzt. Kein Wunder, dass John Carpenter sie damals heiratete.
Was mir beim Wiedersehen besonders aufgefallen ist – und was man in heutigen Produktionen fast schmerzlich vermisst – ist die Atmosphäre der späten 1970er Jahre, die dieser Film wie beiläufig, aber präzise einfängt. Dieses Los Angeles der Nach-Watergate-Ära, in dem urbane Isolation, Modernismus und Misstrauen in Technik und Institutionen bereits tief im kollektiven Bewusstsein verankert sind, schleicht sich subtil in jede Einstellung. Die kühlen Apartments, die offenen Grundrisse, die braun-beigen Inneneinrichtungen, die Rollband-Telefone, das frühe Farbfernsehen – all das wirkt heute wie eine Art dokumentarischer Nebenfilm. Der Film trägt in jeder Szene das „Tempo der Zeit“ in sich – langsamer, beobachtender, dialogzentrierter. Und genau das erzeugt heute eine Art Nostalgie, die nicht auf Retro-Requisiten beruht, sondern auf echter Struktur. Man spürt die damalige Vorstellung von urbaner Modernität.
Fazit und Bewertung
DAS UNSICHTBARE AUGE (1978) ist ein unterschätztes Stück Filmgeschichte. Für mich ist es eine Art Blaupause, ein Übungsraum, in dem Carpenter erprobt, was ihn später zum Kultregisseur machen wird. Wer den Film heute schaut, sollte ihn nicht als Thriller-Blockbuster, sondern als intelligente TV-Produktion mit Stilbewusstsein begreifen. Es geht weniger um den „Body Count“, sondern um das Erleben von Machtlosigkeit in der eigenen Wohnung – ein Thema, das interessanterweise gerade im Zeitalter digitaler Überwachung wieder aktueller denn je ist. – Für mich als Liebhaber klassischer Filmästhetik ist das kein veraltetes Fernsehen, sondern ein Zeitfenster mit erzählerischem Tiefgang.


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