© 1960 Michael Powell © 2020 Vista Films Ltd.

Augen der Angst (1960)

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Eine filmische Interpretation von E.T.A. Hoffmanns Der Sandmann

1951 verfilmte Michael Powell, einer der bedeutendsten britischen Regisseure, Offenbachs Oper „Hoffmanns Erzählungen“ (The Tales of Hoffmann). In dem Episodenfilm lässt Powell E.T.A. Hoffmann (1776-1822), den berühmten Schriftsteller der deutschen Romantik, selbst als Akteur in seinen eigenen Werken auftreten, etwa in „Der Sandmann“. 1816 in den ‘Nachtstücken’ erschienen, handelt die Erzählung davon, dass ein junger Mann namens Nathanael sich in eine mechanische Gliederpuppe verliebt, die er für eine reale Frau hält und die er durch ein Taschenperspektiv beobachtet. Während die Filmfigur Hoffmann lediglich verspottet wird, endet die Originalvorlage für den durch ein Kindheitserlebnis traumatisierten Nathanael verhängnisvoll. Einzelne Elemente des Sandmanns finden sich später in Powells Psychothriller „Augen der Angst“ (Peeping Tom) wieder, der 1960 von der Kritik heftig verrissen wurde, erst Ende der 1970er von Martin Scorsese und Paul Schrader wiederentdeckt und restauriert aufgeführt wurde. Heute gilt „Augen der Angst“ sowohl als Meisterwerk des Horror- wie des Kriminalfilms und wegweisend für das Sub-Genre des Slasher-Films.

Eine Frau (Brenda Bruce) wird mit einem Messer erstochen, das an einem Stativbein befestigt ist. Während der Täter ihr angstverzerrtes Gesicht aufnimmt, sieht die Frau ihren Tod in einem Parabolspiegel. Der für ein großes Filmstudio arbeitende Mark Lewis (Karlheinz Böhm) trägt auch in seiner Freizeit stets eine kleine 16mm-Handkamera bei sich. Außerdem vermietet er Wohnungen in dem Haus, das er von seinem Vater (Michael Powell) geerbt hat und in dem er selbst lebt. Eines Nachts führt er seiner Nachbarin Helen Stephens (Anna Massey) Aufnahmen vor, in denen sein Vater, der bekannte Psychologe A. N. Lewis, ihn als Kind (Columba Powell) mit einem Lichtstrahl weckt und mit einer Eidechse erschreckt, um seine Angstreaktionen festzuhalten. Mark fungierte als Versuchsobjekt für fragwürdige Studien. Nathanael bei Hoffmann beobachtet als Kind heimlich, wie sein Vater bei alchemistischen Experimenten stirbt. Nathanael und Mark sind besessen davon, andere zu beobachten – der Originaltitel Peeping Tom ist eine Bezeichnung für einen Voyeur. Beide haben Schwierigkeiten, Beziehungen aufzubauen. Der Filmkritiker Schifferle spricht vom Surren der Kamera sogar als „Sex der Maschinen“, was auch Hoffmanns Furcht ausdrückt, das Künstliche könnte das Menschliche ersetzen. Hoffmanns Geschichte endet mit einem Sturz, Powells Film ähnlich.

Karlheinz Böhm erinnerte sich, dass es am Ende der Vorführung keinen Applaus gab und das Publikum wortlos an ihm und Michael Powell vorbeiging. Der spektakuläre Misserfolg bedeutete praktisch massive Karrierebrüche sowohl für Böhm, der gegen sein Kaiser-Franz-Joseph-Image aus der „Sissi“-Trilogie kämpfte und für Powell, dem zusätzlich vorgehalten wurde, dass er und sein neunjähriger Sohn selbst in dem Film-im-Film auftraten, indem vollständige Überwachung und Kontrolle gezeigt wurde. Marks Mutter, die nur als Leichnam zu sehen ist, wird von Powells Ehefrau Frances May Reidy verkörpert. Powell selbst erklärte sich die heftigen Reaktionen damit, dass er „die Personen mit einem unschuldigen Auge sah“, sich einem Urteil enthielt, und Böhm nicht als Monster zeigte. Während es heute normal ist, mit dem Handy zu filmen, das wie ein zusätzliches Körperteil wirkt, musste zur Entstehungszeit ein Mann, der alles mit einer Kamera aufnimmt, jede Privatsphäre zerstört, unheimlich wirken. Vielleicht war es die offene Darstellung einer panoptischen Welt, welche die Kritik und das damalige Publikum so verschreckte und über die Michel Foucault später schreiben sollte, dass sie „Kontrolle über die kleinsten Parzellen des Lebens und des Körpers“ ausübt.

Foucault, Michel (1976): Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. Frankfurt am Main.
Hoffmann, E.T.A. (1976): Der Sandmann. In: Völker, Klaus (Hrsg.): Künstliche Menschen.
Dichtungen und Dokumente über Golems, Homunculi, Androiden und liebende Statuen. München. S. 145-176.
Müller, Ingrun (2004): Peeping Tom / Augen der Angst. In: Vossen, Ursula (Hrsg.): Filmgenres Horrorfilm. Leipzig. S. 142-146.
Schifferle, Hans (1994): Die 100 besten Horror-Filme. München.
Volk, Stefan (2011): Skandalfilme. Cineastische Aufreger gestern und heute. Marburg.


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