Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich als Teenager zum ersten Mal DER WEISSE HAI (1974) gesehen habe – das Original von Spielberg. Ein filmisches Ereignis, das mir den Atem raubte. Nun, Jahrzehnte später, bin ich CEO von JATIP. Mit meinem Unternehmen beschäftige mich täglich mit Filmen und der Entertainmentwelt. Und ja, ich habe mir DER WEISSE HAI 4: DIE ABRECHNUNG (1987) angesehen. Warum? Weil ich es interessant finde, dass dieser Film ausschließlich als Totalschaden abgekanzelt wird. Verdient er diese Watsche? In gewisser Weise ja – aber nicht ohne eine differenzierte Betrachtung.
Der vierte Teil versucht, zurück zu den Wurzeln zu gehen – weg von der Spektakelsucht von Teil 3D (zu unserem Review in MOVIETIME: Der weiße Hai – 3 (1983)), hin zu einer persönlichen Geschichte. Ellen Brody, Witwe des inzwischen verstorbenen Chief Brody, steht im Zentrum. Sie ist überzeugt, dass der Hai ihre Familie gezielt verfolgt. Ein Hai mit Rachegelüsten? Klingt abstrus – und ist es auch. Aber: In einem psychologisch ambitionierten Drehbuch hätte das eine Art parabelhafte, symbolische Tiefe haben können. Leider fehlt dem Film genau das: eine klare Linie zwischen Metapher und Monsterfilm. Regisseur Joseph Sargent inszeniert einen Plot, der zwischen Familiendrama, Karibikromanze und Rache-Horror schwankt – und letztlich in keinem dieser Genres überzeugend Fuß fasst.
Der Tonschnitt ist stellenweise erschreckend unsauber. Dialoge sind dumpf, Geräuschkulissen schwanken in ihrer Pegelbalance, und die Nachvertonung des Hais klingt wie aus einem frühen Tierdoku-Archiv. Positiv hervorzuheben: Michael Smalls Score bemüht sich um atmosphärische Akzente, auch wenn er nicht an John Williams‘ ikonisches Motiv herankommt. Visuell wirkt vieles hölzern. Die Hai-Modelle sind nicht mehr State of the Art – und das spürt man deutlich. Vor allem in der viel diskutierten Schlussszene (Stichwort: Hai springt Boot an, wird aufgespießt, explodiert irgendwie), verliert der Film jeglichen Anspruch.
>>> zum Review des Films in KAMMERflimmern: Der weiße Hai 4 (1987) | Jetzt wird abgerechnet!
Von den Darstellerleistungen macht Lorraine Gary ihre Sache als Ellen Brody nicht schlecht – sie trägt den Film mit einer gewissen Würde. Doch der Rest des Casts bleibt relativ blass. Michael Caine (angeblich nur für die Gage an Bord) spielt charmant wie eh und je, wirkt aber dramaturgisch wie aus einem anderen Film. Lance Guest als Michael Brody bleibt – so hart es klingt – eine blasse Projektionsfläche. Seine Rolle hätte ein emotionaler Anker sein können, wird aber vom Drehbuch nie konsequent entwickelt. Man weiß, dass er Meeresbiologe ist, Ehemann, Vater – und innerlich zerrissen. Nur spürt man davon leider wenig. Die Szenen mit seiner Film-Frau Carla (gespielt von Karen Young) wirken bemüht, ohne wirklich Nähe zu erzeugen. Die kleine Judith Barsi als Thea Brody bringt immerhin kindlichen Charme ins Spiel – tragisch, dass sie kurz nach den Dreharbeiten auf grausame Weise ums Leben kam. Und dann wäre da Mario Van Peebles als Jake, der karibische Meeresbiologe und Sidekick des Sohnes von Ellen Brody. Van Peebles ist charismatisch und energiegeladen. Er bringt Schwung in den ansonsten träge inszenierten Mittelteil des Films. Seine Figur stirbt eigentlich im ursprünglichen Schnitt. In der US-Kinofassung wurde der Tod nachträglich durch eine Notfallrettung entschärft.
Was bleibt zum Schluss?
DER WEISSE HAI 4: DIE ABRECHNUNG (1987) ist objektiv betrachtet kein guter Film. Das Drehbuch ist schwach, die Effekte angestaubt, der Plot grenzwertig. Und doch erkenne ich einen gewissen Mut darin: den Versuch, eine emotionale Geschichte im Rahmen eines Franchise zu erzählen, das längst von sich selbst gefressen wurde. Für Trash-Fans, nostalgische VHS-Sammler und Hai-Film-Enthusiasten bietet der Film unfreiwillige Komik und eine gewisse 80er-Jahre-Kulisse in der Karibik.


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