Regie: Nicolas Meyer, Drehbuch: Edward Hume; Darsteller: Jason Robards, John Cullum, Steve Guttenberg, JoBeth Williams, Bibi Besch
Ein gewöhnlicher Herbsttag in Kansas City im Jahr 1983. Die Menschen gehen ihren normalen Alltagsleben nach: Der Arzt Dr. Russell Oakes kümmert sich geduldig um seine Patienten im Universitätsklinikum, die Farmerfamilie Dahlberg bereitet sich auf die bevorstehende Hochzeit der Tochter vor, der einfache Soldat Billy McCoy geht mit seinen Kameraden seinen Dienst nach. Keiner von ihnen nimmt die Nachrichten über militärische Zwischenfälle an der deutsch-polnischen Grenze wirklich ernst. Und keiner ahnt, dass dies der letzte gewöhnliche Tag in der Geschichte der Menschheit sein wird, denn die beiden Supermächte beginnen den nuklearen Schlagabtausch, der eine verbrannte Welt hinterlässt und das Leben zu einen gnadenlosen Kampf ums Überleben macht…
Wenn ein Film auch Jahrzehnte nach seiner Entstehung noch immer aktuell ist, muss er etwas besonderes an sich haben.
Im Fall von Nicolas Meyers TV-Drama „The Day after“ würden die Meisten von uns es sich sicherlich wünschen, wenn er eben nicht mehr aktuell wäre. Vielleicht werden wir ja eines Tages mal in einer Welt leben, in der Filme wie dieser uns nur noch als ein überholtes Relikt aus längst vergessenen Zeiten erscheinen. Aber soweit sind wir leider noch lange nicht. Womöglich werden wir uns vorher auch selbst zerstören, auf dieselbe Art wie es hier beschrieben wird.
Noch Anfang der Achtziger, fast vierzig Jahre nach den Atombombenabwürfen auf Hiroshima und Nagasaki, waren sich die meisten Amerikaner noch immer gar nicht bewusst, was für verheerende Konsequenzen ein Nuklearkrieg tatsächlich hätte, vor allem auch deshalb weil das US-Militär dies vor der Öffentlichkeit natürlich geheim hielt.
Doch nachdem Meyers Film dann am 20. November 1983 zur besten Sendezeit auf ABC seine Premiere feierte, hatte er die Art und Weise wie die breite Bevölkerung Atomwaffen wahrnahm nachhaltig verändert. Von da an war nichts mehr so wie vorher. Er traf die US-Zuschauer ins Mark, denn er zeigte die Zerstörungen und das Siechtum der Überlebenden nach der atomaren Auslöschung einer typischen Großstadt im Herzen des Landes in einer zuvor nicht gekannter Drastik.
Sogar der damalige US-Präsident Reagan war von „The Day after“ so schockiert, dass er seine Einstellung zum Thema nukleare Aufrüstung nach Sichtung des Films verändert hat, wie er es in seiner Autobiographie selbst schilderte.
Doch hat sich auch die Welt in all den Jahren, die seither vergangen sind wirklich zum besseren geändert? Im großen und Ganzen leider nicht. Noch immer gilt atomare Aufrüstung als legitimes Mittel politischer und militärischer Machterhaltung.
Und solange Leute wie Trump und Putin Herrscher über Länder werden können, die über zehntausende Atomsprengköpfe verfügen ist sowieso alles möglich. In Zeiten wie diesen sollten wir alle uns an diesen alten Klassiker der amerikanischen TV-Geschichte erinnern, der uns ungeschminkt die Gefahr bewusst machte, in der wir alle schweben.
1983 hatte der Kalte Krieg zwischen den Vereinigten Staaten und der damaligen Sowjetunion einen gefährlichen Höhepunkt erreicht. Beide Weltmächte hatten ein Arsenal aus tausenden Nuklearsprengköpfen angesammelt. Es ist zu loben, dass die Verantwortlichen der ABC gerade in dieser Situation den Mut aufbrachten einen Film grünes Licht zu geben, der ganz sicher nicht als harmlose Unterhaltung in der Tradition von teils melodramatischen Katastrophenfilmen wie „Erdbeben“ oder „Flammendes Inferno“ stand. Vielmehr war es den Machern ein echtes Anliegen, ihren Zuschauern, ohne auf die bekannten Klischees des Katastrophengenres zurückzugreifen die Augen zu öffnen und ein öffentliches Bewusstsein für die Gefahren der nuklearen Bewaffnung zu wecken. Wie erwähnt ist dies auch gelungen, auch wenn der Film nicht in exakt der Form gesendet wurde, wie es Regisseur Meyer vorschwebte. Tatsächlich sollte „The Day after“ ursprünglich ein Zweiteiler werden, der die Folgen der vom Menschen selbstverschuldeten Katastrophe noch viel grafischer darstellen sollte. Aber den ABC Bossen war diese Aussicht dann doch zu heiß, sicher auch weil sie fürchteten ein auf allzu harte Schockeffekte setzender Film würde wertvolle Werbekunden vergraulen. Gegen den erklärten Willen des Regisseurs wurden so einige Szenen gekürzt oder komplett gestrichen, so wurden zum Beispiel Einstellungen entfernt, in denen man die Auswirkungen der Atomexplosionen auf den menschlichen Körper noch deutlicher gezeigt bekommt.
Leider sieht man dem fertigen Produkt manchmal recht deutlich die Schnitte an, durch die es nachträglich verkürzt wurde. Aus der Sicht unseres heutigen TV Zeitalters, in dem man an Serien wie „The Walking Dead“ gewöhnt ist wirken die damaligen Bedenken beinahe rührend übertrieben. Die ABC schaltete sicherheitshalber sogar eine Telefonhotline, in der Psychologen besorgte Zuschauer beruhigen sollten und der Schauspieler John Callum, der den besonnen Familienvater Jim Dahlberg spielte verlas vor der Ausstrahlung einen kurzen Text, in dem er vor den beängstigenden Bildern des folgenden Films warnte.
Dabei belässt der Streifen es dabei ja sogar noch dabei die kurzfristigen Folgen des Atomkrieges zu zeigen. Die langfristigen, wie der dauerhafte Zusammenbruch der menschlichen Gesellschaft und der gefürchtete nukleare Winter werden sogar noch ausgespart. In dieser Hinsicht geht die praktisch zeitgleich gesendete britische Produktion „Threads“ noch einen Schritt weiter, weswegen er auch von vielen Kritikern als der bessere Film angesehen wird.
Auch wirken die visuellen Effekte aus heutiger Sicht reichlich angestaubt und nicht immer ganz glaubwürdig. Aus Kostengründen musste man, neben Aufnahmen von echten Atomwaffentests, auf Stock Footage aus anderen Produktionen wie zum Beispiel dem Science-Ficiton Katastrophenfilm „Meteor“ zurückgreifen. Aber die Bilder sind trotzdem nach wie vor beeindruckend genug, um den Zuschauer nachhaltig zu verstören.
Aufgrund des enormen Medienhypes, den die Produktion bereits Wochen vor der Erstausstrahlung erzeugte, konnte eine Einschaltquote von schätzungsweise 100 Millionen Zuschauern erreicht werden, was „The Day after“ zum bis dahin meist gesehen TV-Film machte der amerikanischen Fernsehgeschichte. Auch nach der Ausstrahlung schlug der Film, wie kaum anders zu erwarten war, hohe Wellen in den US Medien. Manche Kommentatoren reagierten dabei auch recht ablehnend auf ihn und warfen den Machern vor, dass sie mit ihrem Werk pro-sowjetische Propaganda betrieben.
In Wahrheit ist jedoch eher das Gegenteil der Fall, denn man muss „The Day after“ vorwerfen, dass ihm jegliche politische Dimension fehlt. Der Film versucht nicht mal der Handlung eine wie auch immer geartete ideologische Botschaft beizumischen. Auch werden die Charaktere allesamt als komplett unschuldige Opfer des nuklearen Wahnsinns dargestellt. Dabei wird ignoriert, dass es eben diese gewöhnlichen Menschen waren, welche die Entscheidungsträger, die den atomaren Holocaust letztlich beschlossen haben in ihre Positionen gewählt haben. Allerdings hat Regisseur Meyer stets betont, dass es ihm gar nicht darum ging eine politische Botschaft zu vermitteln. Er und sein Drehbuchautor Edward Hume wollten einzig und allein aufzeigen, wie sich ein Atomkrieg auf die normale Bevölkerung auswirken würde und letztendlich für alle Beteiligten fürchterliche Konsequenzen hätte.
Es ist so auch kein Wunder, dass viele US-Amerikaner sich mit den Figuren im Film identifizieren konnten, was seine Wirkung noch erhöhte. Die Dahlberg Familie zum Beispiel, welche eine für den mittleren Westen typische Farm betreibt, versucht sich vor der radioaktiven Strahlung zu schützen, indem sie, gemäß den Anweisungen der Regierung, ihren Keller in einem provisorischen Schutzraum umbaut, und nach den Attacken dort wartet, ohne zu wissen worauf.
Der Arzt Dr. Oakes wiederum wird als gewissenhafter Familienvater porträtiert. Nachdem jedoch seine Frau und seine Kinder ums Leben gekommen ist, sieht er seinen einzigen Lebenszweck nur noch darin den zahllosen Verletzten im Krankenhaus so gut es geht zu helfen. Dabei arbeitet er bis zur völligen körperlichen und psychischen Erschöpfung. Diese Einzelschicksale erleichtern den Zugang zu den Charakteren, die jedoch, wie es für eine TV-Produktion vielleicht zu erwarten war doch recht klischeehaft sind. Da das Ende eher offen ist lässt er sogar die Möglichkeit offen, dass es der Gesellschaft irgendwie früher oder später gelingt die schlimmsten Folgen der Katastrophe irgendwie zu überwinden. Auch dies war womöglich ein Zugeständnis an die Konventionen des Mediums Fernsehen.
Die Bilder der totalen Verwüstung bleiben aber trotz allem jedem, der sie gesehen hat für immer im Gedächtnis haften und das ist auch gut so. „The Day after“ hat seine Wirkung nicht verfehlt und den unbedarften Publikum einen gehörigen Schrecken eingejagt, der sogar noch bis heute nachhallt. Noch immer gilt der Film als Musterbeispiel für ein gesellschaftlich engagiertes Fernsehspiel, welches mehr sein will als bloße Unterhaltung, sondern einen dezidiert pädagogischen Ansatz verfolgt.
Von daher wäre es vielleicht sogar einer Überlegung wert wenn einer der Streamingdienste sich trauen würde ein Remake des Streifens zu realisieren, der stärker der ursprünglichen Vision von Regisseur Meyer und seinem Autor Hume entspricht und eine neue Generation auf die Thematik aufmerksam macht.
Mögen die Charaktere, die Dialoge und auch die Inszenierung etwas flach sein, so hat der Streifen – leider – absolut nichts von seiner Aktualität und Dringlichkeit verloren. Wer ihn einmal gesehen hat wird ihn nie wieder vergessen und wer ihn noch nicht gesehen hat, sollte dies unbedingt nachholen. Am Ende des Tages danach bleiben nur Tot und Zerstörung und niemand kann sagen, er hätte es nicht vorher gewusst.


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