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Die Zeitmaschine (1960)

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London, 31. Dezember 1899:

Eine feine Gesellschaft aus vier Herren findet sich im Haus des jungen Erfinders George ein, um sich von ihm seine neuste Errungenschaft vorführen zu lassen: Eine Maschine, die es ihren Benutzer zu ermöglichen vermag sich ebenso mühelos durch die Zeit zu bewegen wie durch den Raum.

George führt seinen skeptischen Freunden ein Miniaturmodell dieses Apparats vor, das sich, nachdem er es aktiviert hat, vor ihren Augen einfach in Luft auflöst. Doch als die Anwesenden das Verschwinden der Maschine nur für eine Art Zaubertrick halten, verlassen sie das Haus in dem Glauben, er habe sich einen Spaß mit ihnen erlaubt. George begibt sich daraufhin in sein Labor, wo sich die Originalmaschine befindet und macht sich auf eine Reise in die Zukunft.

Nachdem er den ersten und zweiten Weltkrieg miterlebt, stellt er resigniert fest, dass der Mensch anscheinend nicht dazu in der Lage ist seinen Trieb sich selbst zu zerstören zu überwinden.

Der Zeitreisende findet seine Befürchtung bestätigt, als er im Jahr 1966 Zeuge wird wie London, und gleichsam die gesamte menschliche Zivilisation, in Folge eines Atomkrieges vollständig zerstört wird. Er setzt setzt seine Reise fort und landet schließlich in einer fernen Zukunft, in der sich die Erde – scheinbar – regeneriert und in ein friedliches Paradies verwandelt hat.

12. Oktober 802.701:

Der Ort, an dem sich einst die Millionenstadt London befand ist nun ein von üppiger Vegetation bewachsener Urwald. Saftig grüne Bäume tragen riesige Früchte, und an einem Fluss, der früher vielleicht einmal die Themse war, entdeckt der Zeitreisende eine große Gruppe von jungen Menschen, die ausgelassen wie kleine Kinder baden. Als er ihnen Fragen stellt, um mehr über ihre Welt zu erfahren wirken sie auf ihn jedoch seltsam desinteressiert. Er lässt sich von einem der Männer in eine Bibliothek führen, in der Hoffnung dort mehr über dieses Volk und seine Vergangenheit zu erfahren. Doch sämtliche Bücher zerfallen bei Berührung sofort zu Staub. George erkennt, dass diese Menschen, die sich selbst die Eloi nennen, über keinen nennenswerten Forscherdrang mehr verfügen. Sie haben weder ein Interesse an der Vergangenheit noch an der Zukunft. Stattdessen leben sie einfach in den Tag hinein, ohne den Wunsch zu verspüren ihrem Dasein einen Sinn zu geben.

Mit Hilfe der hübschen jungen Eloifrau Weena findet George schließlich heraus, dass sich die Menschheit nach dem verheerenden Atomkrieg in zwei verschiedene Arten aufgespalten hat: Die an der Erdoberfläche lebenden Eloi und der in unterirdischen Höhlen hausenden Morlocks. Diese ehemaligen Menschen degenerierten im Laufe der Jahrtausende zu kannibalischen Bestien, welche die naiven Eloi als Nahrung missbrauchen. George beschließt die Eloi aus dieser Sklaverei zu befreien und wagt sich dazu in die Höhlen der Morlocks, um sich ihnen im Kampf zu stellen…

Der Brite Herbert George (!) Wells kann mit Fug und Recht als einer der Väter des Science-Fiction Genres, als eigenständige Literaturgattung angesehen werden. Viele der für das Genre heute so typischen Themen und Motive wurden ursprünglich von ihm erfunden. Neben dem Konzept einer Invasion außerirdischer Wesen auf der Erde in seinem ebenfalls mehrfach verfilmten Roman „Kampf der Welten“, propagierte Wells auch als erster Autor überhaupt die Idee einer Maschine, die Reisen durch die Zeit möglich macht. Sein im Jahr 1895 erschienener Roman „Die Zeitmaschine“ ist somit der Stammvater eines ganzes Subgenres innerhalb der Science-Fiction, mit dem er die Phantasie von Millionen Lesern auf der ganzen Welt beflügelt hat. Einer jener Leser war der aus Ungarn stammenden Regisseur George (!!) Pal, der sich bereits mit einigen Sci-Fi- und Fantasysteifen einen Namen gemacht hat, bevor er sich 1959 daran machte Wells Klassiker zu verfilmen.

Das Buch stellt in erster Linie eine Anklage gegen die Klassenunterschiede im viktorianischen England dar. In Wells Vision waren die Morlocks die fernen Nachkommen der Arbeiterklasse, die geistig und auch körperlich mehr und mehr zu tierhaften Kreaturen entarteten, während die privilegierten Eloi – sprich die Oberschicht – ein zwar sorgenfreies, aber auch ebenso sinnentleertes Dasein auf ihre Kosten führten. Pal entschied sich diesen sozialkritischen Aspekt aus seinem Film zu streichen und griff stattdessen die damals weit verbreitete Angst vor einem nuklearen Holocaust auf. Ebenso wie Wells beschäftige Pal sich also mit einer gefährlichen Entwicklung seiner Gegenwart auf und machte die Angst des modernen Menschen vor seiner Selbstzerstörung zu seinem zentralen Thema.

Anders als vergleichbare Dystopien besitzt „Die Zeitmaschine“ aber auch einen gewissen romantischen Aspekt: Als Georges Freunde ihn zu Beginn des Films fragen, ob er schon darüber nachgedacht hat wie er seine Erfindung vermarkten will erwidert dieser, dass er sich darüber bisher noch keine Gedanken gemacht hat. Hier zeigt sich, dass er noch unberührt ist von den Auswüchsen des gegen Ende des 19. Jahrhunderts immer stärker um sich greifenden Kapitalismus, dessen oberste Maxime es ja ist mit immer besseren und moderneren Produktionsmitteln einen immer größeren Profit zu erwirtschaften.

George jedoch hat seine Maschine nicht erfunden, um durch ihren Verkauf einen materiellen Gewinn zu erzielen. Im Gegenteil: Für ihn ist die Zeitmaschine ein Mittel, um sich in eine Zeit zu flüchten, in der der Mensch sein letztlich selbstzerstörerisches Streben nach immer größeren technischen Fortschritt hinter sich gelassen hat. George ist also ein reiner Forscher, den es nur um den Erkenntnisgewinn geht, ohne monetäre Hintergedanken. An diesem Punkt berühren sich Pals Film und H.G. Wells literarische Vorlage: Sie beide sehen in dem Streben der Menschheit nach immer mehr materiellen Wohlstand eine Sackgasse, die unseren Drang die Welt zu erforschen und zu verstehen erstickt. Die Eloi, denen es es an nichts fehlt, stellen den zweifelhaften „Höhepunkt“ dieser Entwicklung dar. Gefangen in einem Dasein ohne materielle Sorgen, ohne Krankheit und Mühsal sind ihre geistigen Fähigkeiten im Lauf der Zeit verkümmert. Der Forscherdrang, der George überhaupt erst dazu animiert hat seine Maschine zu bauen ist ihnen völlig fremd und unverständlich. Die Eloi haben somit vergessen was das Menschsein eigentlich ausmacht.

Dasselbe gilt für die Morlocks. Auch sie haben sich von ihren Ursprüngen entfernt und sind zu archaischen Monstren verkommen, für die die Regeln des menschlichen Zusammenlebens nicht mehr gelten. Schonungslos führt uns der Pals Film vor Augen in was für eine erschreckende Zukunft der Weg des Menschen führt, sollte es ihm nicht gelingen sich wieder auf das zu besinnen, was ihm zu dem vernunftbegabten Wesen gemacht hat, das er ist: Den Wunsch seine Intelligenz zu steigern, indem er seine Umwelt erforscht und so immer besser versteht ohne an einen möglichen Gewinn zu denken.


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