Die Golden Globes 2025 sind vergeben, und die Resultate im Filmbereich sorgten vielerorts für Erstaunen. Auch wenn die ganz großen Überraschungen wohl ausblieben – in einigen Kategorien zeigte sich erneut: Nicht alles ist so, wie es scheint. Wir schauen gemeinsam für einen Moment hinter die Zahlen und Statistiken und versuchen, ein paar Erkenntnisse zu gewinnen. Nicht vergessen: In ein paar Tagen, nach den SAG-Nominierungen und den Critics Choice Awards, kann schon wieder alles anders sein, aber hey: Spekulieren macht einfach Spaß, also – here goes:
Erkenntnis 1: Ariana gar nicht so grande?
Zoe Saldana ist eine Force, das wussten wir bereits vor der Verleihung, noch dazu brach „Emilia Perez“ – warum auch immer – den Nominierungsrekord der Globeshistorie. Dementsprechend war schon klar, dass der Sieg in der Kategorie über diesen Film führen würde, und dennoch: Wenn nicht hier, wo sonst? Das dürfte man sich auch in der „Wicked“-Kampagnencrew gedacht haben, denn, sind wir mal ehrlich: Singer turned actress, noch dazu sehr wichtig und präsent im Film – das klang schon gut in den Ohren vieler Awardseason-Experten. Aber: Pustekuchen, Saldana prevailed. Und das sind keine guten Neuigkeiten für Ariana Grande in ihrer Rolle als Glinda im ersten Teil der Musicalverfilmung, denn: Jetzt ist sie darauf angewiesen, entweder bei den Kritikern oder in der Schauspielgewerkschaft an sich einzuschlagen, was angesichts von Saldanas Präsenz, auch in der Serienlandschaft, eine Herkulesaufgabe darstellen dürfte. Ist der Zug nach Oz also bereits abgefahren?
Erkenntnis 2: Emilia Perez hört nicht auf – trotz Backlash
Am 1. Januar 2025 endete die Abstimmungsphase für die Golden Globes – und ein Film zeigte in der Show, dass er „here to stay“ ist, nämlich „Emilia Perez“. Natürlich ist das auch erwartbar, schließlich konnte dieser Film ja bereits in Cannes überzeugen und gewann dort den Jurypreis, und auch in Toronto konnte er das dortige Festivalpublikum restlos überzeugen. Jedoch kommt so was mit einem Preis daher, und: Das wird nicht besser werden in den nächsten Tagen und Wochen für diesen Film. Ich finde es nach wie vor bemerkenswert, dass ein derartiger Disconnect zwischen dem Votingbody von Awardshows und der General Audience besteht – so richtig begeistert ist man nämlich außerhalb dieser Gruppierung nicht vom finalen Produkt, und doch entwickelt der sich zusehends zum „Wohlfühlpick“. Wohin die Reise geht? Schwer vorherzusagen, aber solange Erkenntnis 1 (siehe oben) auch eintritt, hat der Film reelle Chancen auf den Hauptpreis als Bester Film 2025. Allerdings: Das braucht er auch, denn in anderen, wichtigen Kategorien stehen die Chancen für diesen sehr speziellen Film sehr schlecht. Das bringt uns zu
Erkenntnis 3: Epochale Wins für „The Brutalist“
210 Minuten, Fake-Biopic, Period Piece – und von Kritikern im Vorfeld bereits als moderner Klassiker betitelt. Gerade in früheren Jahren wäre das wohl eher nix für die „Fun-Globes“ gewesen, jedoch hat sich gerade hier viel verändert im Abstimmungsverhalten, und somit steht dieser Film seit gestern als großer Frontrunner da. Hauptdarsteller Drama, Film Drama und Regie – gleich drei große Preise konnte man da einsammeln und vereint damit gleich mehrere Sparten auf sich. Das ist der „Film to beat“, und das werden die BAFTA-Nominierungen auch so bestätigen. Die Frage wird nur sein: Reicht das? Um da auch bei den Academy Awards als Favorit zu gelten, würde auch ein starkes Showing bei den Critics Choice Awards nicht schaden – sollte das eintreffen, na dann allerdings könnten Menschen, welche nur für „Best Pictures“ ins Kino gehen, längere Zeit im Kino verbringen als gewohnt.
Erkenntnis 4: Ist Anora ein erneutes Beispiel für „zu früh gepeakt“?
Hätte man vor 1,5 Monaten eine Umfrage gestartet im Bezug auf die großen Gewinner der Oscars 2025 – man hätte eine eindeutige Antwort bekommen, denn: Endlich hat es Sean Baker geschafft. Er ist im Mainstream angekommen, hat Cannes gewonnen, der Film ist ein Crowdpleaser, noch dazu ist seine Hauptdarstellerin beinahe ein Lock auf den Sieg und auch das Drehbuch konnte überzeugen – The path to victory was a straight line, und doch, jetzt, schaut alles anders aus. Genau das kann sich natürlich in drei Tagen wieder komplett anders darstellen, aber Stand jetzt, nach den Globes, muss man konstatieren: 5 Nominierungen, kein Win, und das ist nicht gut, vor allem nicht bei dieser Verleihung. Es scheint aktuell so, als wäre das ein wenig zu früh passiert für „Anora“, denn: Um da wirklich wieder in die Spur zu kommen, brauchst du zumindest einen der großen Preise bei den Kritikern. Und wo soll der herkommen? Drehbuch – scheint „Konklave“ für sich gepachtet zu haben, Regie – da zählt auch offensichtlich die „meiste“ Regieleistung, und Hauptdarstellerin? Na ja, somit kommen wir zu
Erkenntnis 5: Demi Moore hat die beste Story
Total unterschätzt (nicht nur) von mir im Vorfeld, und sie hat uns alle Lügen gestraft. Noch nie etwas gewonnen in ihrer langen Karriere, und dann kommt sie ausgerechnet für diesen Film in den späten Genuss eines großen Moments: „The Substance“ fühlte sich wahrscheinlich auch für viele als zu aktuell und anders an, um den völlig ohne Preis zu entlassen – und das war eine sehr gute Entscheidung. Allerdings musst du das dann ja auch verwerten als Begünstigte, und der Maßstab ist in diesem Fall deine Siegesrede – und ähnlich wie bei Ke Huy Quan vor einiger Zeit hat auch Demi Moore genau gewusst, was sie zu tun hat. Mehr noch – sie hat sich sofort höchst verdächtig gemacht. Es bleibt abzuwarten, ob auch der ungleich größere Votingbody der Academy ihren späten Triumph goutieren wird, aber für den Moment hat sie, auch aufgrund des Schwächelns anderer Konkurrentinnen (Jolie nicht auf der BAFTA-Shortlist – und sie konnte nicht einmal „ihre“ Kategorie bei diesen Globes für sich entscheiden, Kidman und Winslet nicht bei den CCA’s) doch einen beträchtlichen Vorteil auf ihrer Seite.
Erkenntnis 6: Wenige haushohe Favoriten
Glauben wir wirklich, dass „Flow“ bei den Oscars triumphieren wird? Ist es mittlerweile akzeptiert, dass Reznor/Ross erneut Platz am Regal für ihren „Challengers“-Oscar machen müssen? Gut, zugegeben – der beste internationale Film ist vergeben, ich wiederhole – warum auch immer, aber ansonsten? Es gibt einige Favoriten, Brody für „The Brutalist“ ist einer davon und auch Kieran Culkin für „A Real Pain“ macht sich aktuell höchst verdächtig. Der Rest? Up in the Air, und das ist gut so.


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