Der zeitliche Sprung vom altem zum neuen Hollywood war in etwa von 1968 bis zum Ende der 70er Jahre. In diesen Jahren kam es zu einem manchmal radikalen Generationswechsel, nicht nur unter den Schauspielern oder den Produktions- und Drehteams, sondern auch vielerorts innerhalb der Studioleitungen. Der Grund hierfür war, das groß angelegte und teure (Millionenbudgets) Filmproduktionen wie zum Beispiel das Musical STAR! (1968) oder Monumentalfilme wie CLEOPATRA (1963) (wie sie über Jahrzehnte beliebt waren), auf einmal an den Kinokassen floppten. Auf einmal galten sie beim jungen Publikum als Altbacken und unmodern. Dagegen hatten freche kleine Independentfilme wie EASY RIDER (1969) oder ROSEMARY’S BABY (1968) auf einmal sehr hohe Besucherzahlen zu verzeichnen. Den Studioleitungen und Vorständen fiel recht schnell auf, dass sich mit nur sehr wenig Geld im Einsatz (EASY RIDER – Budget: 400.000 Dollar) gigantische Umsätze erzielen ließen (EASY RIDER – Einspielergebnis: 60 Millionen Dollar!). Von dieser Gewinnspanne konnten die alt hergestellten Filme nur träumen. Also begann die Suche nach jungen wilden Talenten, welche Hollywood aus seiner Altersschockstarre helfen sollten. Einer der ersten Namen der genannt wurde war Francis Ford Coppola.
Will man Film in Kalifornien studieren so gab es damals nur zwei Adressen: Zum einen die sehr elitäre, mehr auf Dokumentarfilme spezialisierte USC (University of Southern California), an welcher George Lucas studierte und seinen Kurzfilm THX 1138 produziert hatte. Lucas der mit seinem Kurzfilm auf dem Filmfestival der USC 1968 Premiere feierte, lernte dort einen noch unbekannten aber total enthusiastischen Regienovizen vom Fernsehen kennen: Steven Spielberg.
Und zum anderen konnte man an der mehr Praxis orientierten und auf Spielfilme (Fiction Films) spezialisierte UCLA (University of California, LA) studieren, auf welcher Coppola seine ersten filmischen Schritte tat. Nach seiner eigenen Aussage war er hier am richtigen Ort weil jeder neue Student sofort eine Kamera in die Hand gedrückt bekam und von Grund auf lernen sollte, damit professionell umzugehen. Studienkollege und Regielegende John Milius nannte es das West Point von Hollywood, hier lernten, wie in der berühmten Militärakademie, nur die besten. So waren denn auch viele von Coppolas dortigen Studienkollegen wie Robert Dalva [Schnitt: JUMANJI (1995), JURASSIC PARK 3 (2001), CAPTAIN AMERICA (2011)], Walter Murch [Schnitt: DER PATE (1972), APOCALYPSE NOW (1979), A WORLD BEYOND (2015)], John Milius [Regie: DER WIND UND DER LÖWE (1975), CONAN DER BARBAR (1982), DIE ROTE FLUT (1984)] oder Cale Deschanel [Kamera: DER STOFF AUS DEM DIE HELDEN SIND (1983), DER PATRIOT (2000), TIMELINE (2003)] sehr daran interessiert mit ihrem hochmotivierten Idol zu arbeiten. Coppola wollte sie als seine Launch Company für die Gründung eines eigenen Filmstudios.
Warum war Coppola zu dieser Zeit schon eine kleine Legende an den Film Universitäten sowie aber auch schon im Filmgeschäft selbst? Der Grund dafür ist das er nicht nur ein filmisch sehr umtriebiger Macher war, er hatte seine Nase in viele Filmprojekte gesteckt, er konnte auch bei dem erfolgreichen und legendären B-Movie Produzent Roger Corman [LEBENDIG BEGRABEN (1962), DER RABE (1963), PIRANHAS (1978)] sich seine ersten professionellen Sporen als Assistent und Helfer verdienen. Dies tat er parallel zum Studium. Corman ließ ihn dann bald auch auch bei seinen ersten kleinen Independent Horrorfilmen Regie führen, so wie bei seinem Serienkillerfilm DEMENTIA 13 (1963), der ein Budget von 20.000 Dollar hatte. Danach konnte er eine Stelle im Drehbuchteam von Warner Brothers Seven Arts ergattern und durfte für 200 Dollar die Woche am professionellen Spielfilmproduktionen mitarbeiten. Gerade im selben Moment, stellte der Produktionsmogul des Old Hollywood Jack Warner seinen letzten Spielfilm unter seiner Schirmherrschaft her, den einstigen Broadwayerfolg „Finian’s Rainbow“ (Der goldene Regenbogen). Dort arbeitet zu derselben Zeit als Produktionshelfer George Lucas, woraufhin Francis und er recht schnell Freunde und filmische Verbündete wurden. Bald darauf lässt Francis bei George durchblicken das ihm die momentane Situation in Hollywood überhaupt nicht gefalle. Überall alte Leute die nie gelernt hatten wie man heute Filme produziert und dabei aber arrogant auf den jüngeren Nachwuchs herab schauten. Als sie beide über einen möglichen Ort diskutieren an dem sie versuchen wollten etwas Neues zu starten, kamen sie auf San Francisco. Die bunte und junge Metropole stand Anfang der 70er Jahre für Freiheit und Kreativität. Nicht zuletzt hatten sich deswegen viele Hippie Kommunen dort angesiedelt.
Francis möchte Georges ersten Kurzfilm THX 1138 als Feature Film (erster Spielfilm) im neuen Studio produzieren. Dafür bedarf es aber drei Dinge: ein fertiges Drehbuch, Filmequipment und natürlich das Studio. Deal: Während George die Dreharbeiten von Francis aktuellem Film THE RAIN PEOPLE (1969) („Liebe niemals einen Fremden“) mit einer Kamera dokumentiert, schreibt er nebenher das Drehbuch zu THX 1138. Auch beginnen sie damit an der ganzen Südküste professionelles Filmequipment zu suchen, was meistens aber in keinem guten Zustand mehr ist. Nach den Dreharbeiten fliegt Francis Coppola, quasi als Urlaub, zu einer der größten Film- und Fotomessen der Welt, der Photokina in Köln. Dort ist er absolut begeistert von den hochmodernen Misch- und Schneidetischen, auf denen sich viele Film- und Tonspuren parallel mischen ließen. Obwohl er noch keinen Deal mit einem Filmstudio für die Kostenübernahme der Produktionskosten hatte, bestellte er sofort alles was sie vor Ort brauchten um Filme machen zu können. Damit war er nicht nur kurzfristig pleite sondern auch voll im Minus. Auf der Messe hatte er einen begeisterten Sammler antiker Filmgeräte kennengelernt, welcher ihm sofort dazu einlud seine Sammlung in Dänemark zu begutachten. Als Francis dort eine hundert Jahre alte Wundertrommel (Zoetrope) in die Hand nahm, in welchem er – wenn sich das Rad drehte, die sich immer gleich wiederholenden Sequenzen von Zeichentrickfiguren beobachten konnte, wusste er auf einmal wie das neue Studio heißen sollte: American Zoetrope.
Dann fand sich ein altes Industriegebäude in der 827 Folsom Street in San Francisco. Das Gebäude war bezahlbar und sofort begannen alle Teammitglieder mit der Unterstützung vieler Filmstudenten und -enthusiasten aus ganz Kalifornien damit, den Studiowänden Farbe zu geben und das gammelige Interieur gegen Holztische, Stühle und Türen aus einem alten Kinopalast zu ersetzen. Auch mussten die neuen Schnitt- und Tontische aus Deutschland erst noch aufgebaut und richtig eingestellt werden, weswegen am Anfang nichts funktionieren wollte. Man brauchte Wochen um das Chaos zu beseitigen und in den Modus Betriebsbereit zu wechseln. Coppola gibt Gas und stellt in vielen Nachtschichten zusammen mit Walter Murch The Rain People fertig, welcher kurz darauf erste Preise auf Filmfestivals gewinnt.
Doch dann lehnt Warner Bros Georges THX Drehbuch zunächst komplett ab, was diesen ziemlich aus der Bahn wirft. Aber da lernt er nun zwei von Francis größten Stärken kennen, nämlich Beharrlichkeit und spontane Kreativität. Coppola pokert und inseriert in diversen Branchenblättern Fragen und Aufforderungen an Warner Bros. Er wisse ja das alle mit ihm in Hollywood arbeiten wollen, da er es ja geschafft hatte eine professionelle Gruppe talentierter junger Filmemacher um sich zu versammeln, die bald damit begännen große New Hollywood Filme zu produzieren. Warner müsse in die Gänge kommen wenn man zusammen arbeiten möchte! Das sitzt! Und das, obwohl die neue Warner Führungsebene gerade noch dabei ist sich in den alten Büros des gerade pensionierten Jack Warner neu einzurichten. Konfus und etwas angespannt sagt man Zoetrope: „Lasst uns darüber reden“.
Francis Ford Coppola gelingt es einen sagenhaften und schon fast unverschämten Deal mit Warner auszuhandeln: THX und 6 weitere Spielfilm Scripts sollen von American Zoetrope verfilmt werden, darunter auch die Drehbücher zu DER DIALOG und APOCALYPSE NOW. Warner hilft Zoetrope finanziell aus der Taufe, 827 Folsom Street wird noch weiter ausgebaut, und Francis kauft die erste Espresso Maschine die je in einem Filmstudio als „Muntermacher“ verwendet wurde. Am 12 Dezember 1969 ist die Eröffnungsparty: über 1000 Gäste kommen, darunter bekannte Rockbands und Musiker. Hier lernt der noch unbekannte TV Regisseur Steven Spielberg nicht nur alle Zoetrope beteiligten kennen, sondern auch einen unscheinbaren Kollegen mit italienischen Wurzeln aus New York – Martin Scorsese.
Der erste komplett selbst produzierte American Zoetrope Film wird THX 1138.
Unsere vierteilige AMERICAN ZOETROPE Reihe:
- THX 1138: Der Mensch als konforme und seelenlose Nummer
- American Zoetrope und THX 1138
- Making of THX 1138
- Die Filme von AMERICAN ZOETROPE


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