Die Gegenwart der Vergangenheit
Vierzig Jahre ist es nun genau her, dass Erfolgsproduzent Steven Spielberg mit „Zurück in die Zukunft“ einen modernen Klassiker des Komödiengenres in die Kinos brachte, den wohl jeder von uns mindestens schon einmal gesehen hat. Das spritzige Zeitreiseabenteuer, das zu einem popkulturellen Phänomen wurde, die Karrieren sowohl seiner Macher als auch seiner Hauptdarsteller durchstarten ließ und einen bis heute andauernden Hype in Gang setzte hat sich in das kollektive Gedächtnis aller Filmfans rund um den Globus eingebrannt. Keiner anderen Genreproduktion, mit Ausnahme vielleicht von „Star Wars“, ist es gelungen sich zu einem Franchise zu entwickeln, der über einen Zeitraum von mehreren Jahrzehnten nicht an Popularität eingebüßt hat und selbst heute noch immer noch neue Fans hinzugewinnt – und das obwohl er nur aus drei Filmen besteht.
Aber warum hat ausgerechnet diese mit einem bescheidenen Budget von dem damals noch weitgehend unbekannten Regisseur Robert Zemeckis inszenierte Produktion es geschafft selbst nach all diesen Jahren immer noch frisch und inhaltlich relevant zu bleiben? Worin liegt das Einzigartige, was sie von vergleichbaren Komödienproduktionen der Achtziger Jahre abhebt und selbst heute noch aktuell macht?
Ein Produkt des Zeitgeistes?
In den achtziger Jahren des vergangen Jahrhunderts pendelte das Science-Fiction Kino zwischen zwei Extremen: Zum einem gab es ausgesprochen düstere Streifen wie „Der Blade Runner“ und „Robocop“ zum anderen familienfreundliche Produktionen wie „E.T. – Der Außerirdische“ und eben „Zurück in die Zukunft“.
Beide Extreme spiegelten den Zeitgeist der Reagan Ära wieder, die sowohl von der Angst vor einem atomaren Schlagabtausch zwischen den beiden Supermächten als auch von einer Rückbesinnung auf bürgerlich-konservative Werte, wie zum Beispiel ein intaktes Familienleben, geprägt war.
Im ersten Teil von Zemeckis Erfolgstrilogie werden diese Werte jedoch anfangs in Frage gestellt: Die McFlys sind das genaue Gegenteil einer Bilderbuchfamilie, sie gehören eher zu den Verlieren des viel zitierten amerikanischen Traumes. Die Mutter ist eine antriebslose Hausfrau und der Vater ein schmächtiger Loser, der sich von seinen Arbeitskollegen widerstandslos schikanieren lässt. Und auch die Kinder zeigen keinerlei Ambitionen in ihren Leben etwas Außergewöhnliches zu leisten, bis auf den jüngsten Sohn Marty, der davon träumt mit seiner Rockgruppe den großen Durchbruch zu schaffen.
Durch dessen ungewöhnliche Freundschaft zu Doc Brown, der für ihn so etwas wie ein Ersatzvater ist, zeigt sich gleichzeitig auch eine Neugierde auf eine Welt jenseits seines tristen Familienalltags. Daher ist es für ihn auch Selbstverständlich sich von dem spleenigen Wissenschaftler mitten in der Nacht aus den Bett holen zu lassen, um sich von ihm seine neueste Erfindung zeigen zu lassen: Einen zu einer Zeitmaschine umgebauten Sportwagen.
Durch eine Verkettung unglücklicher Umstände verschlägt es Marty mit dieser in das Jahr 1955, genau zu jener Zeit als seine Eltern sich kennen lernten, was fatale Konsequenzen nach sich zieht: Seine noch jugendliche Mutter verliebt sich hoffnungslos in den gut aussehenden Neuankömmling, ohne natürlich zu ahnen, dass dieser ihr späterer Sohn ist.
Glücklicherweise schafft es Marty noch rechtzeitig seinen Vater mit ihr zu verkuppeln. Nachdem er es geschafft hat wieder in das Jahr 1985 zurückzukehren muss er jedoch feststellen, dass er während seines Aufenthalts in der Vergangenheit die Zeitlinie unabsichtlich gehörig durcheinander gebracht hat. Sein Vater ist nun ein erfolgreicher Schriftsteller, der sich von niemanden mehr herumkommandieren lässt, die Mutter treibt aktiv Sport und seine beiden Geschwister sind zu der Sorte Yuppies geworden, die in den Achtzigern als große Hoffnungsträger der amerikanischen Wirtschaft galten.
Früher war alles besser?
Das übertrieben nostalgische Bild vom Amerika der fünfziger Jahre, welches Regisseur Zemeckis zeichnet stellt eine treffsichere Satire auf die vorherrschende Meinung dar, dass in der gute alten Zeit eben alles besser war. Im Jahr 1955 war der Mann noch das unangefochtene Oberhaupt der Familie, die sich zum gemeinsamen Abendessen vor dem Fernseher versammelte, um sich harmlose Comedyshows anzusehen. Dieses Amerika besaß auf den ersten Blick noch eine Art von Unschuld, die spätestens dreißig Jahre später verloren gegangen war, als die Menschen sich mit Sorgen herum plagen mussten, die früher noch mehr oder weniger unbekannt waren (Jobangst, Umweltverschmutzung, Terrorismus). In den Achtziger Jahren wurde, wie bereits erwähnt, der Wert der Familie besonders hervorgehoben. Daher musste es für den konservativen US-Kinogänger beinahe schon ein Schock gewesen sein eine Filmkomödie präsentiert zu bekommen, in der sich eine Mutter in ihren eigenen Sohn verliebt (freilich noch vor dessen Geburt). Ein undenkbares Geschehen im puritanischen Amerika, sowohl der achtziger und erst recht der fünfziger Jahre!
Gerade dadurch karikiert der Film jedoch auch die moralische Scheinheiligkeit sowohl in der Vergangenheit, als auch in der Gegenwart: In beiden Zeitebenen wird es nicht gerne gesehen wenn ein junges Mädchen ohne Einverständnis der Eltern mit einem gleichaltrigen Jungen ausgeht. 1985 zeigt sich dies in der ablehnenden Haltung von Martys Mutter gegenüber dessen Beziehung zu seiner Freundin Jennifer. Sie ist nicht damit einverstanden, dass sich ihr Sohn heimlich mit ihr trifft, was sie in seinem Alter selbstverständlich niemals getan hätte.
Als Marty jedoch die Bekanntschaft mit dem ach so braven jüngeren Ich seiner Mutter im Jahr 1955 macht, stellt er zu seiner Verblüffung fest, dass sie keineswegs ein Kind von Traurigkeit war. Sie rauchte Zigaretten ebenso hinter dem Rücken ihrer Eltern wie sie heimlich Alkohol konsumierte. Sein Vater war schon damals ein von seinen Mitschülern gepiesackter Sonderling, der junge Frauen beim umziehen begaffte, während diese sich unbeobachtet fühlten, um die Tatsache zu kompensieren, dass er sich aufgrund seiner Schüchternheit niemals traute ein Mädchen anzusprechen. Durch all diese, und noch einige andere überraschende Entdeckungen, kommt Marty zu der Erkenntnis, dass in der Vergangenheit seiner ihm so wohl vertrauten Kleinstadtwelt eben doch nicht alles so perfekt war.
Ähnlich wie in Gary Ross gesellschaftskritischer Fantasykomödie „Pleasantville – Zu schön, um wahr zu sein“ von 1998 zeigt Zemeckis auf, wie sehr wir durch unseren verklärten Blick auf die Vergangenheit übersehen, dass sie sich eigentlich gar nicht so sehr von unserer Zeit unterscheidet. Wenn man sich den ersten „Zurück in die Zukunft“ Film im heutigen Jahr 2025 ansieht kommt man nicht umhin zugeben zu müssen, dass sich in den vier Jahrzehnten, die seit dessen Premiere vergangen sind, ebenfalls gar nicht soviel geändert hat, wie es auf dem ersten Blick vielleicht scheint. Ebenso wie in den Jahren 1955 und 1985 sind auch die jungen Menschen von heute in alle möglichen Konventionen gefangen, welche die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeiten behindert.
Kapitalismus contra Nostalgie
Die so offen zur schau gestellte Nostalgie des Films entpuppt sich bei näheren Hinschauen als Satire auf unsere Neigung zu vergessen, dass gesellschaftliche Konventionen sich zwar ändern, aber nie gänzlich verschwinden. In den Fünfzigern waren es die ungeschriebenen Regeln einer übertrieben strengen Sexualmoral, in den Achtzigern jene des ungebremsten Kapitalismus.
Aus heutiger Sicht mutet es dem europäischen Zuschauer vielleicht etwas befremdlich an, dass der Film am Ende mit der vermeintlich typisch amerikanische Auffassung sympathisiert, dass materieller Reichtum zu einem gesunden Familienleben führt, welches sich für die McFlys ja erst einstellt, nachdem Marty die Zeitlinie geändert und dafür gesorgt hat, dass sie ein Leben in gutbürgerlichen Luxus führen. Dieser Punkt stieß übrigens auch George McFly Darsteller Crispin Glover sauer auf. Aber gerade dadurch weist sich „Zurück in die Zukunft“ eben als typisches Produkt seiner Zeit aus, als der Erwerb materiellen Wohlstands als das wichtigste Lebensziel des Durchschnittsamerikaners betrachtet wurde. Doch für das moderne Publikum zeigt sich dadurch auch, dass die Behauptung des Films, dass sich die Zeiten nur oberflächlich betrachtet ändern als zutreffend erwiesen hat. Wir reden uns zwar heute ein, dass wir durch die Erfahrung der internationalen Finanzkrise langsam angefangen haben zu verstehen wohin reines Profitdenken führt und nun glauben es für die Zukunft besser zu wissen. Aber ist das wirklich so?
Vielleicht werden die Menschen in dreißig Jahren ja wirklich an die scheinbar „gute, alte Zeit“ des Jahres 2025 zurückdenken, als sich die Erkenntnis durchzusetzen begonnen hat, dass es im Leben wichtigeres gibt als Geld und Macht. Aber bei aller dieser Nostalgie werden die Menschen des Jahres 2055 wahrscheinlich gar nicht merken, dass auch sie in ihren ganz eigenen Netz aus Konventionen und Zwängen gefangen sind…


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