Großbritannien, Italien 1973, Regie: Nicolas Roeg, Buch: Allan Scott, Peter Bryant, Musik: Pino Donaggio, Darsteller: Donald Sutherland, Julie Christie
1973 verfilmte Nicolas Roeg die Erzählung „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ („Don’t Look Now“, 1971) von Daphne du Maurier: einem Elternpaar widerfährt das Schlimmste, was vorstellbar ist. Du Mauriers Werke sind vor allem bekannt durch insgesamt drei Verfilmungen von Alfred Hitchcock: „Riff-Piraten“ („Jamaica Inn“, 1939), „Rebecca“ (1940) – das Buch war eine wichtige Inspiration für den Roman Sara („Bag of Bones“, 1998) von Stephen King, der Daphne du Maurier als die „Godmother of Fear“ bezeichnet – und „Die Vögel“ („The Birds“, 1963). Du Mauriers Kurzgeschichte (1952) ist deutlich beeinflusst von Arthur Machens Erzählung „Der Schrecken“ („The Terror“, 1916), die von mysteriösen Tierangriffen handelt, ohne das hierfür eine Erklärung genannt wird. Du Maurier war mit Hitchcocks Adaption (1963) sehr unzufrieden, während sie Roegs Umsetzung von „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ sehr schätzte.
Roeg war als Kameramann bei „Satanas – Das Schloss der blutigen Bestie“ („The Masque of the Red Death“, 1964) von Roger Corman nach zwei Erzählungen von Edgar Allan Poe und „Fahrenheit 451“ (1966) von Francois Truffaut nach dem Roman von Ray Bradbury tätig. Beide Filme verbindet neben einer Kritik an diktatorischen Regimen sowie der Thematisierung möglicher Widerstandsformen und Zivilcourage eine deutliche Betonung der Farbe Rot, insbesondere im Kontext von Gefahren, sei es durch Krankheit oder Feuer. Der Feuerwehrmann Guy Montag schließt sich den Buchmenschen, einer Widerstandsbewegung gegen einen Bücher verbrennenden Staat an, und lernt am Ende die Unheimlichen Erzählungen Poes – zugleich die Lieblingslektüre Bradburys – auswendig. Obwohl Poe Venedig nie besuchte, ist die Lagunenstadt Schauplatz von zwei seiner Erzählungen: Graf Montresor lockt während des Karnevals seinen früheren Freund Fortunato mit der Aussicht auf ein titelgebendes „Fass Amontillado“ („The Cask of Amontillado“, 1846) in den Keller seines Palazzos – dort mauert er ihn lebendig ein. In Poes früher Geschichte „Das Stelldichein“ („The Assignation“, 1834) rettet ein unbekannter Engländer ein Kind aus den Fluten des Canal Grande, weil der Vater dazu nicht in der Lage ist.
Nach dem Ertrinkungstod ihrer Tochter Christine (Sharon Williams) reist das Ehepaar John (Donald Sutherland) und Laura Baxter (Julie Christie) in das winterliche Venedig, wo John eine Kirche aus dem 16. Jahrhundert restaurieren soll. Laura lernt bald zwei ältere Frauen kennen, die Schwestern Heather (Hilary Mason) und Wendy (Clelia Matania). Die blinde Heather behauptet, sie verfüge über das ‘Zweite Gesicht‘ – so nennt Wendy dieses Phänomen – und vermutet auch bei dem reservierten John eine mediale Begabung. Heather spricht von Visionen, in denen Christine vor einer großen Gefahr warnt, in der John schwebt. Kurz darauf kommt es zu einem Unglück in der Kirche, das John nur knapp überlebt. Laura reist schließlich nach England zurück, da der gemeinsame Sohn im Internat einen Unfall erlitten hat. Am nächsten Tag glaubt John, seine Frau in Begleitung der beiden Schwestern auf einer Fähre zu erkennen. Da Venedig von einer Reihe grausamer Morde erschüttert wird, wendet er sich an die Polizei. Nachts verfolgt John eine in einem roten Mantel gekleidete Gestalt (Adelina Poerio) durch die labyrinthartigen Gassen der Lagunenstadt. Sie erinnert ihn an seine Tochter, die einen glänzenden roten Regenmantel trug, als sie in einem Teich ertrank.
Die Farbe rot – für Blut, Tinte, Wein, unterschiedliche Gegenstände und Kleidungsstücke – ist allgegenwärtig. In der Vorlage beschreibt du Maurier die unheimliche, hexenhaft wirkende Mörderin als „woman dwarf“, was deutliche Assoziation an Rotkappen weckt: bekannt aus dem Roman „Harry Potter und der Gefangene von Askaban“ („Harry Potter and the Prisoner of Azkaban“, 1999) von Joanne K. Rowling, wurden die Red Cap von ihr aber nicht erfunden, sondern sind Bestandteil der britischen Folklore. Beschrieben werden sie als koboldähnliche, bösartige Wesen, die bevorzugt an Orten leben, an denen viel Blut vergossen wurde wie frühere Schlachtfelder, Kerker, verfallene Ruinen oder Festungen. Sie überfallen und töten Reisende, um ihre Mützen in deren Blut zu tauchen. Roeg selbst hat mit seiner Roald-Dahl-Verfilmung „Hexen hexen“ („The Witches“, 1990) in vielerlei Hinsicht die Harry-Potter-Mythologie vorweggenommen.
Die Vorstellung einer aus keltischen Mythen bekannten Anderswelt, die neben der Realität existiert, die einerseits von den Lebenden betreten werden kann und aus der aber auch unheimliche Wesen hervorkommen können, ist deutlich präsent: Wodurch es zu Christines Unfall am Teich kommt, wird im Film nicht erklärt. Immer wieder spricht Heather davon, Christine sei noch am Leben und glücklich. Das frostig-kalte Venedig, in dem entkleidete Leichen geborgen werden, wirkt wie eine Totenwelt. Daphne du Maurier selbst vergleicht die Schwestern mit einem antiken Tragödienchor. Bis heute lässt „Wenn die Gondeln Trauer tragen“ viele Deutungsmöglichkeiten zu: Nichts ist, wie es scheint.
Du Maurier, Daphne (1994): Die großen Meistererzählungen. München. 2. Auflage
Kostopoulos, Katharina (2023): “The element of the macabre” – Antike Mythologie, Geschichte und Archäologie bei Daphne du Maurier. In: Kleu, Michael (Hrsg.): Antikenrezeption im Horror. Essen. S. 492 – 515.
Shacklebolt, Millicent (2021): Das inoffizielle Harry-Potter-Buch der Hexen und Zauberer – Das ultimative Lexikon zu allen Charakteren. München.


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