›(…) ich träume noch. (…) Ich habe, wie ich im Bett liege, die Gestalt eines großen Käfers, eines Hirschkäfers oder eines Maikäfers, glaube ich. (…) Eines Käfers große Gestalt, ja. Ich stellte es dann so an, als handle es sich um einen Winterschlaf, und ich presste meine Beinchen an meinen gebauchten Leib. (…) Bald bin ich fertig – er verbeugt sich, er geht flüchtig und alles wird er aufs beste vollführen, während ich ruhe.‹ Franz Kafka: Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande
„The Dream Master“ (1988) schließt nahtlos an den dritten Teil der Nightmare-on-Elm-Street-Reihe, „Dream Warriors“ (1987) an. Schauplatz des Vorgängerfilms war die psychiatrische Einrichtung Westin Hills, in der suizidgefährdete Jugendliche untergebracht waren. Die Handlung von „The Dream Master“ konzentriert sich weitestgehend auf die Springwood Highschool und vermischt Horror-Elemente mit satirischen Seitenhieben gegen die Eintönigkeit und Hektik des modernen Alltags und beginnt mit einem grotesken Einfall. Freddy Krueger (Robert Englund) wird durch einen urinierenden Hund – laut Regisseur Renny Harlin der beste Darsteller – zu neuem Leben erweckt. Trotzdem enthält der Film auch einige der vielleicht unangenehmsten und grausamsten Momente – etwa Kristens (Tuesday Knight) Feuertod – innerhalb der gesamten Reihe. Daneben nimmt er Bezug auf zeitgenössische Horrorfilme: in Freddys Keller hängen Ketten wie bei „Hellraiser“ (1987) und in einer Reminiszenz an den weißen Hai rast der Messerhandschuh wie eine Flosse durch einen Strand.
Es war kein Traum. Franz Kafka: Die Verwandlung
Zu Beginn tötet Freddy mehrere Jugendliche, die im vorangegangenen Teil als „Dream Warriors“ gegen ihn angetreten sind, etwa Joey (Rodney Eastman), dem er erneut vorgegaukelt, eine attraktive Frau zu sein, ihn diesmal aber in seinen Wasserbett ertränkt. Vor ihrem Tod gibt Kristen ihre Gabe, andere in ihre Träume zu ziehen, an ihre Schulfreundin Alice (Lisa Wilcox) weiter. Alice leidet unter ihrem alkoholkranken Vater (Nicholas Mele) und flüchtet sich häufig in Tagträume.
Während einer Prüfung schläft Alice ein. Freddy Krueger, der als realer Mensch grausamen Mobbing-Attacken seiner Mitschüler ausgesetzt war, ist in dem dunklen Klassenraum der Lehrer. Mit seinen Messern schält er einen Apfel und nähert sich der hochbegabten Sheila (Toy Newkirk), die Alice in ihren Traum geholt hat. Die übermüdete Sheila – sie lernte die ganze Nacht für die Physik-Klausur – wird von Freddy gewaltsam geküsst und vampirhaft ausgesaugt, was dieser zynisch mit ‘nicht bestanden‘ kommentiert. In der Realität stirbt sie an einem Asthmaanfall. Was provoziert einen leistungsorientierten Lehrer am meisten? Wenn man im Unterricht träumt und den angeblich wichtigen Lernstoff verpasst! Würde so jemand sich nicht auch genauso in seiner späteren Beschäftigung verhalten, auf die er in der Schule primär vorbereitet wird?
Franz Kafka (1883-1924) schildert in seinem Fragment „Hochzeitsvorbereitungen auf dem Lande“, wie ein Mann träumt, dass er als Käfer Winterschlaf hält und sein Körper zur Arbeit geht. Als Wunsch, sich dem harten Alltag zu entziehen, wird dies in der späteren Erzählung „Die Verwandlung“ zur grausamen Realität: „Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheueren Ungeziefer verwandelt.“ Als solches wird er von seinen Verwandten wahrgenommen, da er in diesen Zustand („panzerartig harte(r) Rücken (…) wenn er den Kopf ein wenig hob, seinen gewölbten, braunen, von bogenförmigen Versteifungen geteilten Bauch (…) im Vergleich zu seinem sonstigen Umfang kläglich dünnen Beine flimmerten ihm hilflos vor den Augen“) seiner zugeschriebenen Funktion des Arbeitens und Geld-Verdienens nicht mehr nachgehen kann. Zugleich beschreibt Kafka Samsa als die einzige Figur der Handlung, die wirklich menschlich fühlt und denkt.
Genau diese Metamorphose kommt auch in „The Dream Master“ vor: die an einer Insektenphobie leidende Debbie (Brooke Theiss) wird beim Sport von Freddy in einen riesigen Käfer verwandelt und von ihm in einer klebrigen Fliegenfalle zerquetscht. Alice und Dan (Danny Hassel) geraten auf dem Weg zu Debbie in eine Zeitschleife, was wie eine Metapher dafür wirkt, unangenehme Situationen immer wieder erleben zu müssen. In einer alten Kirche trifft Alice schließlich auf Freddy. Die Seelen der Menschen, die Freddy ermordet hat und in seinem Körper gefangen sind, stehen ihr zur Seite.
„The Dream Master“ ist ein kafkaesker Horrorfilm, der durchaus ernsthaft die realen Sorgen und Nöte von Teenagern wie Prüfungsangst und Mobbing thematisiert. Wie in den Vorgängerfilmen träumen die Jugendlichen entweder von Orten, die ihnen oft unangenehm sind und die sie auch nicht so einfach verlassen können: von der Schule oder einer Klinik. Außerdem können sie sich plötzlich in einer kleinen Schachtel oder auf einer Pizza befinden. Hier zeigt „The Dream Master“ einen ausgesprochen grimmigen Humor, der leider manchmal ins Klamaukhafte abdriftet. 1989 folgte „The Dream Child“, indem Freddy versucht, wiedergeboren zu werden.
Kafka, Franz (2024): Sämtliche Erzählungen. München.


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