USA 1998, Regie: Michael Bay; Buch: Jonathan Hensleigh & J.J. Abrams; Produktion: Jerry Bruckheimer, Gale Anne Hurd & Michael Bay; Kamara: John Schwartzman;
Musik: Trevon Rabin & Henry Gregson Williams
Darsteller:
Bruce Willis (Harry Stamper); Billy Bob Thornton (Dan Truman); Ben Affleck (A.J. Frost)
Liv Tyler (Grace Stamper); Steve Buscemi (Rockhound)
Inhalt:
Während einer Reparaturmission an einem Satelliten wird die Raumfähre Atlantis ohne Vorwarnung von einem Meteoritenhagel getroffen und vollständig zerstört. Doch dies ist nur der Auftakt für eine globale Katastrophe: Auf der ganzen Nordhalbkugel gehen abertausende Klein-Meteoriten nieder, die schreckliche Zerstörungen anrichten, unter anderen wird New York City in eine brennende Trümmerwüste verwandelt. Bei der NASA entdeckt man schnell die Ursache für dieses Phänomen. Es handelt sich nur um die Vorboten eines über 600 Kilometer großen Asteroiden, der auf die Erde zurast und diese in nur 18 Tagen treffen wird, was sämtliches Leben auf unseren Planeten auslöschen würde. Um dies zu verhindern entscheidet man sich eine Gruppe verwegener Ölbohrspezialisten unter der Leitung des erfahrenen Harry Stamper zu rekrutieren. Sie sollen mit zwei Shuttles ins All fliegen, auf dem Brocken landen und mittels einer riesigen Nuklearbombe in zwei Hälften sprengen, welche dann an der Erde vorbeiziehen sollen. Stamper und sein Team stellen sich dieser nie dagewesenen Herausforderung, um die Menschheit zu retten…
Rezension:
Man kann Michael Bay nicht gerade nachsagen, dass Realismus ein besonders hervorstechendes Merkmal seiner Filme sei. Und auch dieses Frühwerk des Regisseurs bildet dabei beileibe keine Ausnahme. Aber selbst die wohlwollendsten Zuschauer kommen nicht umhin zugeben zu müssen, dass „Armageddon – Das jüngste Gericht“ selbst für seine Verhältnisse den Bogen schon recht gewaltig überspannt. Und trotzdem ist das Endergebnis auf eine sehr eigene Art unterhaltsam, wofür es auch gute Gründe gibt, welche bei oberflächlicher Betrachtung vielleicht nicht sofort auffallen.
Doch der Reihe nach.
Ende der Neunziger Jahre sah das Blockbusterkino in vielerlei Hinsicht ganz anders aus als heute. Noch gab es keine Superhelden, welche die Filmlandschaft dominierten, so wie sie es zum Leidwesen vieler seit den Nullerjahren tun. Stattdessen erlebte der in den Siebzigern bereits sehr populäre Katastrophenfilm eine neue Blüte. Durch Fortschritte in der Tricktechnik war es möglich geworden Naturkatastrophen mit bisher nicht gekannter visueller Wucht auf die Leinwand zu bringen. Ob Vulkanausbrüche („Dantes Peak“), Wirbelstürme („Twister“), Tunneleinstürze („Daylight“) oder eben wie hier Asteroideneinschläge – mittels der damals noch brandneuen CGI Technik konnte man Katastrophenszenarien aller Art realistisch darstellen – wobei „realistisch“ in diesen Zusammenhang ein sehr dehnbarer Begriff ist, denn anders als in dem von Steven Spielberg produzierten Konkurrenzstreifen „Deep Impact“ machte man sich bei „Armageddon“ nicht die Mühe das dargestellte Szenario auch nur halbwegs realitätsnah zu präsentieren. In Michael Bays Film steht einzig und allein das Spektakel im Vordergrund, dem Glaubwürdigkeit, Charakterzeichnung, Atmosphäre und auch Spannung geopfert werden.
Im Grunde ist der Streifen ein außer Rand und Band geratener, übergroßer Comic, bei der es dauernd Knallt und Rummst, so dass einem als Zuschauer Hören und Sehen vergeht. Man wird mit einem schieren Trommelfeuer aus extrem hart geschnittenen Bildern konfrontiert, keine Einstellung scheint länger als drei Sekunden zu dauern. Stärker als seinen beiden Vorgängern „Bad Boys“ und „The Rock – Fels der Entscheidung“ sieht man den Film an, dass Bay aus der Werbe- und Musikvideobranche kommt, den beim zuschauen hat man wirklich keine ruhige Minute.
„Armageddon“ zeichnet sich von Anfang bis zum Ende durch die typische Ästhetik eines überlangen Videos aus der Blütezeit von MTV aus, was durch den dröhnenden Soundtrack von Trevor Rabin und die gnadenlos auf die Ohren eindreschende Tonspur noch verstärkt wird, die Gebäudeeinstürze und Raumschiffbruchlandungen lautstark untermalt.
Man könnte fast meinen Bay sei sich der Lächerlichkeit seines eigenen Films voll bewusst gewesen, und hätte sie daher durch die Bildgewalt zu kaschieren versucht. Unwahrscheinlich ist dies nicht, denn der Regisseur war ja schon immer bekannt für seine energiegeladenen Inszenierungen, die den Zuschauer keine Zeit zum verschnaufen oder nachdenken geben. Freilich ist es auch kaum nötig sein Gehirn zu benutzen, um die Fehler von „Armageddon“ zu bemerken, denn diese sind so groß, dass wirklich niemand sie übersehen könnte. Zum Beispiel fragt man sich wie es möglich sein soll eine solch komplexe Raummission, wie sie im Film dargestellt wird, binnen nur 18 Tagen vorzubereiten. Auch hat die Raumstation Mir hier nicht die geringste Ähnlichkeit mit ihrem realen Vorbild. Und auch die Frage wie eine einzige Bombe genug Sprengkraft haben kann einen Asteroiden dieser gewaltigen Größe in zwei gleich große Hälften zu spalten zumal das Loch, in welchem sie versenkt wird nur 250 Meter tief ist, also wirklich nur an seiner Oberfläche kratzt, bleibt unbeantwortet.
Die vielleicht wichtigste Frage lautet jedoch, warum man bei der NASA auf die Idee kommt es wäre praktikabler Bohrspezialisten zu Astronauten auszubilden, anstatt Astronauten zu Bohrspezialisten. Als Darsteller Ben Affleck, Michael Bay auf diesen Umstand ansprach antwortete dieser nur lapidar er soll den Mund halten.
„Armageddon“ ist ganz offensichtlich kein Produkt für Fans des intelligenten Genrekinos und will das ja auch gar nicht sein. Sein Zielpublikum sind vor allem Jugendliche, denen es in erster Linie um anspruchsloses Entertainment geht, welches sich selbst nicht ernst nimmt. Und man muss Michael Bay lassen, dass er sich darauf versteht höchst unterhaltsames Actionkino wie kein Zweiter zu zelebrieren. Dies ist seine Handschrift, die er bis zum heutigen Tag perfektioniert hat.
Dies gilt jedoch keineswegs nur für die Form, sondern auch für den Inhalt.
Gleich zu Beginn sehen wir wie Harry Stamper ein Greenpeace Schiff mit einer vollen Breitseite an Golfbällen bombardiert. Dass nun ausgerechnet er von der Regierung angeheuert wird die Welt zu retten, seinerseits aber gegen jene Ökoaktivisten wettert, die ihrerseits die Welt vor den gierigen Ölkonzernen retten wollen entbehrt nicht einer gewissen Ironie, die von Bay sicherlich beabsichtigt war. Willis Charakter wird hier von der ersten Sekunde an als hemdsärmeliger Malocher porträtiert, mit dem man sich als Zuschauer natürlich leichter identifizieren kann als mit einem unkaputtbaren Superhelden. Und genau dies ist natürlich auch wieder volle Absicht.
Die Menschheit wird hier nicht von hochqualifizierten Spezialisten vor ihrer drohenden Vernichtung bewahrt, sondern von ganz normalen Arbeitern aus der amerikanischen Mittelschicht, welche so wohl auch die Kernzielgruppe des Streifens darstellt. Der hart arbeitende Mann, der gleichzeitig auch ein treusorgender Vater ist, für dem das Wohl seiner Tochter an erster Stelle steht, wie hier von Bay als der wahre Held gezeigt, in dem die Rettung der Welt in den besten Händen ist. Und auch Stampers Crew ist ein wirklich schräger Haufen harter Kerle, die sich selbst nicht allzu ernst nehmen. Auch dies ist eines von Bays typischen Markenzeichen: Seine Helden sind keine über der normalen Gesellschaft stehenden Alleskönner, vielmehr ist es der normale Durchschnittsamerikaner, der gegen eine übermächtige Bedrohung antreten muss und diese ohne Rücksicht auf Vorschriften oder erprobte Methoden beseitigt, indem er mit hochgekrempelten Ärmeln tut, was eben getan werden muss.
Staatlichen Autoritäten werden hingegen auch hier wieder tendenziell eher negativ, nämlich als konservative Anzugträger dargestellt, die nur ein bedingtes Vertrauen in Harry Stamper und seine Crew haben. Auch dies ist ein Bay Narrativ, welches man aus Filmen wie „The Rock“ und der „Transformers“ Reihe kennt. Der Staat kann nicht allein für den Schutz seiner Bürger sorgen, so die Botschaft, das muss er im Zweifelsfall schon selbst in die Hand nehmen. Somit bedient er auch in „Armageddon“ ein Feindbild, das in der US-Gesellschaft fast allgegenwärtig ist: Politiker und auch Wissenschaftler begegnet Bay mit einer gehörigen Portion Misstrauen, da sie bei ihm dazu neigen ein Problem immer erst lang und breit zu analysieren bis sie eine Lösung gefunden haben wenn es schon fast zu spät ist. Bays Hauptfiguren sind hingegen fast immer Zupackend und handeln bevor sie denken. Diese Vorgehensweise wird von ihm hemmungslos heroisiert, was sicher einen Gutteil den Erfolg seiner Filme ausmacht.
Doch im scheinbaren Widerspruch dazu spart Michael Bay auch in „Armageddon“ wieder nicht mit patriotischen Pathos, man sieht die US-Flagge gleich mehrfach in Zeitlupe im Wind wehen und die amerikanischen Astronauten marschieren langsam auf die Kamera zu alles untermalt von der bereits erwähnten ebenfalls vor patriotischen Schmalz triefenden Musik, um dem Zuschauer ihren Heldenmut mit dem Holzhammer einzuprügeln. Der einzige Russe im Film erscheint hingegen als absolute Witzfigur, der sämtliche Klischees in sich vereinigt, damit die US-Helden umso kompetenter wirken.
So ist „Armageddon“ stärker als jeder andere Bay Film eine Verbeugung vor dem einfachen Amerikaner und dessen Tatkraft. Selbst dem drohenden Weltuntergang tritt dieser ohne großes Zögern mit Mut und Entschlossenheit entgegen. Sollen die Weicheier von Greenpeace doch ruhig weiter mit ihren alten Kähnen gegen die Luftverpester auf ihren Bohrinseln protestieren, wenn es wirklich hart auf hart kommt braucht man Männer vom alten Schlag, die weder Tot noch Teufel fürchten. Der Film ist somit ein Relikt aus einer längst vergangenen Zeit, in denen echte Männlichkeit noch ohne jede Zurückhaltung auf der großen Leinwand zelebriert werden dürfte.
Auf den heutigen Betrachter wirkt der Streifen aber gerade deshalb schon etwas aus der Zeit gefallen. Die Alibiliebesgeschichte mit Ben Affleck und Liv Tyler, welche ihm eine gewisse emotionale Tiefe geben soll, kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass er einen überkommenen Männlichkeitsideal frönt. Tyler hat im Film im Grunde überhaupt nichts zu tun, außer gut aus zusehen und mit Affleck herum zu schäckern.
Auch die Bilder des brennenden New York erinnern uns daran, dass „Armageddon“ aus einer anderen Zeit kommt, denn diese erinnern den Zuschauer unangenehm an die Bilder vom 11. September 2001, in denen das reale World Trade Center in sich zusammensackte. So ist der Streifen auch ein Zeitdokument aus einer Epoche, in der der Actionfilm noch eine politische Unschuld besaß. Wie in so vielen vergleichbaren Großproduktionen auch, sind es hier wieder einmal die Amerikaner, welche allein die Welt retten können. Wie bereits erwähnt konnte Michael Bay einer patriotisch gefärbten Bildsprache frönen, ohne sich dafür entschuldigen oder gar rechtfertigen zu müssen. So bleibt „Armageddon“ als ein sehr kurzweiliger, aber eben auch absolut aus der Zeit gefallener Blockbuster in Erinnerung, dessen oberste Qualität vor allem seine totale Inhaltsleere ist. Denn mal ehrlich: Was mögen wir lieber? Ein Spektakelkino, welches um jeden Preis krampfhaft versucht mehr zu sein als es ist und gerade deshalb absolut uninteressant für den Zuschauer ist?
Oder ein entfesseltes Brachialkino, dessen einziger Daseinszweck darin besteht, sein Publikum zu unterhalten und dabei keine Millisekunde langweilig ist?


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