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„ES“ – Pennywise kommt in die Bibliothek

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„Das Chimärische entsteht jetzt auf der schwarzen und weißen Oberfläche der gedruckten Schriftzeichen, aus dem geschlossenen staubigen Band, der, geöffnet einen Schwarm vergessener Wörter entlässt; es entfaltet sich säuberlich in der lautlosen Bibliothek mit ihren Buchkolonnen, aufgereihten Titeln und Regalen, die es nach außen ringsum abschließt, sich nach innen aber den unmöglichsten Welten öffnet.“ Michel Foucault über das >>Bibliotheksphänomen<<

Zum 100. Geburtstag von Michel Foucault

„ES“ („IT“, 1986) ist ein Buch über die realen Grauen der Kindheit: Ausgrenzung, Mobbing, physische Misshandlung, sexualisierte und häusliche Gewalt. Die Monster und Tierwesen, die in Stephen Kings Roman vorkommen, sind symbolische Verkörperungen realer Ängste: Pennywise (Tim Curry) erscheint Richie Toizer (Seth Green) in der Verfilmung aus dem Jahr 1990 von Tommy Lee Wallace zunächst als Werwolf, anschließend ‘verspricht’ er ihm in seiner Clownsgestalt, dass Richie ‘fliegen lernen’ wird. Pennywise stellt sich selbst als Verkörperung aller Albträume und Chimären dar – und droht dem Club der Verlierer – wie dieKinder erstmals von ihrem Gegner, dem Schulschläger Henry Bowers (Jarred Blancard) bezeichnet werden – die einzelnen Mitglieder zuerst in den Wahnsinn zu treiben und dann zu töten. Jedes der Kinder verfügt über eine von den Anderen zugeschriebene Eigenschaft, die zur Marginalisierung in der Schule von Derry beiträgt. Michel Foucault, der Philosoph, der sich intensiv mit den Mechanismen von Wahnsinn und gesellschaftlicher Ausgrenzung auseinandersetzte, würde am 15. Oktober 2026 seinen 100. Geburtstag feiern. Foucault bezeichnete Flauberts von Fieberdelirien und Monsteraufzügen handelnden Roman „Die Versuchung des Heiligen Antonius“ (1874) als „Bibliotheksphänomen“ und zugleich als „ein Monument gründlichsten Wissens“. Gleiches gilt für Kings Buch und in Ansätzen für die Verfilmungen, auch wenn nie die Originalität Flauberts erreicht wird.

Für den wegen seiner Adipositas verspotteten Benjamin Hanscom (Jeremy Ray Taylor) werden die Bücher in der Bibliothek von Derry zu seinen besten Freunden: sehr schnell wandelt sich die Bücherei aber in der Adaption von Andrés Muschietti aus dem Jahr 2017 zum Ort des Grauens. Benjamin schreibt ein Beverly Marsh (Sophia Lillis) gewidmetes Gedicht auf einer Postkarte und beginnt in einer Chronik über die blutige Geschichte Derrys zu blättern, als die Seiten geradezu lebendig werden und ein roter Luftballon durch den Raum schwebt, dem Benjamin folgt. Im Archivkeller wird er von einem kopflosen Jungen verfolgt, der sich als Pennywise (Bill Skarsgård) entpuppt. In „ES Kapitel 2“ („IT Chapter Two“, 2019), als der Club der Verlierer sich wieder trifft, leitet Michael Hanlon (Isaiah Mustafa) die Bücherei und Bill Denbrough (James McAvoy) ist ein bekannter Horror-Autor – wie sein Erfinder Stephen King, der einst ebenfalls als seltsam wahrgenommener, unsportlicher Schüler galt.

Bis heute weigern sich viele amerikanische Bibliotheken, Bücher von Stephen King in ihren Bestand zu nehmen. Entsprechend ist eine unheimliche Leihbücherei auch Schauplatz von Kings Erzählung „Der Bibliothekspolizist“ („The Library Policeman“, 1990). Bereits der Titel verbindet zwei beobachtende Verwaltungsinstitutionen, denen Foucault mit besonderer Skepsis gegenüberstand.

Zum 250. Geburtstag von E. T. A. Hoffmann

Sam Peebles leidet ebenso wie Nathanael aus E. T. A. Hoffmanns romantischer Erzählung „Der Sandmann“ (1816) an einem traumatisierenden Kindheitserlebnis: er wurde von einem Erwachsenen, der sich als Bibliothekspolizist ausgegeben hatte, sexuell missbraucht. Der Sandmann „ist ein böser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen wollen und wirft ihnen Händevoll Sand in die Augen, daß sie blutig zum Kopf herausspringen, (…) für seine Kinderchen; die sitzen dort im Nest und haben krumme Schnäbel, wie die Eulen, damit picken sie der unartigen Menschenkindlein Augen auf.“ In der Romanvorlage „ES“ manifestiert sich Pennywise einmal ebenfalls als ein riesiger Vogel.

Pennywise und Adelina Lortz erscheinen oberflächlich als Varianten der Großen Alten bei Lovecraft: Pennywise tritt etwa im Roman als ein mit Tentakeln besetztes Auge auf. Es handelt sich um Wesen, die in einer für Menschen nicht begreifbaren Außenwelt leben. Beide sind mit bestimmten Lokalitäten verbunden, die sie nie verlassen: bei Adelina ist esdie Bibliothek von Junction City, bei Pennywise die Kleinstadt Derry, wobei er sich ebenfalls bevorzugt in der Stadtbücherei aufhält. Sie verängstigen Kinder, da deren Ängste ihnen als Nahrung dienen. Lortz saugt mit ihrem gigantischen Rüssel, der aus ihrem Gesicht wächst, diese Angst aus den Augen der Kinder. Hoffmann (1776-1822) beschreibt in seinen Kunstmärchen „Das fremde Kind“ (1819) einen Gnomenkönig, der die bizarre Gestalt Lortz’ – bei King ist sie korpulent mit Armen und Beinen, die in scherenähnlichen Klauen übergehen – in vielerlei Hinsicht vorwegnimmt: „Als er nun vollends erklärte, (…) daß ihm allein die Herrschaft gebühre, und sich in der Gestalt einer ungeheuren Fliege mit blitzenden Augen und vorgestrecktem scharfen Rüssel emporschwang in abscheulichem Summen und Brausen (…), da erkannte sie sowie alle, daß der hämische Minister, der sich unter dem schönen Namen Pepasilio eingeschlichen, niemand anders war, als der finstere mürrische Gnomenkönig Pepser.“

Auffällig ist, dass Hoffmann – der als Satiriker häufig in Konflikt mit seinem Dienstherren, dem preußischen Staat geriet – und King ihre negativen Charaktere in der Maskierung hierarchisch höhergestellter, in Institutionen eingebundener Menschen zeigen: Lortz ist die Bibliotheksleiterin und die von Pennywise ausgehende Gewalt richtet sich häufig gegen Menschen, die in Derry wegen ihres Aussehens, ihrer sexuellen Orientierung oder irgendeiner Eigenschaft, die in der Stadtgemeinschaft von Derry unerwünscht ist, marginalisiert sind. Pennywise erhält als außerirdisches Wesen seine Macht letztlich durch die Bewohner Derrys verliehen – deren Gewaltbereitschaft mit ihm kommuniziert und durch ihn wirken lässt – dies macht ihn aber auch angreifbar. Bill Denbrough setzt eine Steinschleuder gegen ihn ein und Sam verteidigt sich mit roter Lakritze gegen den Rüssel von Adelina Lortz. Beides erinnert ebenfalls an Hoffmanns heitere Beschreibungen der  Kinder, die sich gegen Pepser wehren: „Fünfhundert lustige kecke Kinder erhielten tüchtige Fliegenklatschen, mit denen sie Pepsers häßliche Gesellen, (…), totschlugen.“

Hoffmanns späte Erzählungen behandeln oft das Motiv der Angst, dem Wahnsinn zu verfallen – und als psychisch Kranke nicht mehr dem Arbeitsprozess zur Verfügung zu stehen. Dies nimmt wesentliche Elemente des Denkens von Foucault vorweg. Vielleicht ist es das Geheimnis des Erfolgs von „ES“, des Buches und seiner Verfilmungen, dass der Club der Verlierer zugleich als eine Metapher für den modernen Menschen steht und den komplexen Schwierigkeiten, mit denen er konfrontiert ist.

  • „Der Bibliothekspolizist“ wartet noch auf eine Verfilmung – dann als ein Hoffmannsches Nachtstück, gedreht an einem der Orte, an denen Hoffmann gelebt und gelitten hat, Berlin oder Bamberg.
  • Foucault, Michel (1966): Nachwort. In: Gustave Flaubert. Die Versuchung des Heiligen Antonius. Frankfurt am Main. S. 221 – 224.
  • Hoffmann, E. T. A. (2001): Sämtliche Werke. Band 4. Die Serapions-Brüder. Berlin.
  • King, Stephen (1993): ES. Roman. München.
  • King, Stephen (1999): Nachts. München.
  • Lang, Insa (2024): Postmoderner Horror. Narzissmus im Werk Stephen Kings. Norderstedt.
  • Wawrzyn, Lienhard (1990): Der Automaten-Mensch. E. T. A. Hoffmanns Erzählung vom Sandmann. Mit Bildern aus Alltag und Wahnsinn. Berlin.

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