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Der letzte Countdown

Avatar von Sven Wedekin

Der atomgetriebene US-Flugzeugträger „Nimitz“ befindet sich auf dem Weg zu einem Manöver als er urplötzlich in einen, scheinbar aus dem Nichts kommenden Sturm gerät. Dieser versetzt ihn zurück in das Jahr 1941, und zwar genau einen Tag vor dem Angriff der Japaner auf dem Flottenstützpunkt Pearl Harbour, durch welchen die USA in den Zweiten Weltkrieg hineingezogen wurden. Der kommandierende Offizier der „Nimitz“, Captain Matt Yelland, befindet sich nun in einem Zwiespalt: Soll er der Geschichte ihren bekannten Lauf lassen oder die überlegene Waffentechnik seines Schiffes nutzen, um die japanische Flotte noch vor ihrem Ziel aufzuhalten und so Millionen Menschen das Leben retten?

Das Schiff ist der Star. Dies kann man ohne Übertreibung über Don Taylors Film von 1979 behaupten. Den obwohl diese Low-Budget Science-Fiction Produktion mit zu ihrer Zeit großen Namen wie Kirk Douglas, Martin Sheen, Katherine Ross oder Charles Durning punkten kann, spielen die Charaktere und die Story hier eher die zweite Geige hinter der offensiv zur Schau gestellten militärischen Hardware.

Produziert wurde der Streifen von Peter V. Douglas, einer von Kirk Douglas Söhnen. Wohl auch deshalb hat der Edelmime, bekannt aus zahllosen Klassikern wie „Wege zum Ruhm“, „Spartacus“ oder „Vincent VanGogh – Ein Leben in Leidenschaft“, sich dazu bereit erklärt die Hauptrolle des besonnenen Captain Yelland in diesen formal doch eher anspruchslosen Werk, das oft wie ein teurer Fernsehfilm aussieht, zu übernehmen. Ihm zur Seite steht Martin Sheen, der unmittelbar zuvor mit Francis Ford Coppolas künstlerisch sehr viel bedeutenderen Antikriegsmeisterwerk „Apokalypse Now“ zum Star wurde. Hier spielt er den Systemanalytiker Warren Lasky, der im Auftrag des Industriellen Richard Tideman, dessen Unternehmen am Bau der „Nimitz“ maßgeblich beteiligt war, die Abläufe auf dem Schiff untersuchen und mögliche Verbesserungen vorschlagen soll. Lasky ist vehement dafür die Feuerkraft der „Nimitz“ dafür zu benutzen, die Geschichte zu beeinflussen. Durch seine Einmischungen macht er den zusehends von ihm genervten Captain Yelland das Leben schwer. Und dann ist da noch der US-Senator Samuel Chapman, der von der „Nimitz“ Crew zusammen mit seiner Sekretärin Laurel Scott aus Seenot gerettet wird. Laut offizieller Geschichtsschreibung hat dieser seinerzeit das Leben verloren. Durch den Eingriff in die Ereignisse könnte er jedoch später zum US-Präsidenten aufsteigen, was ebenfalls unabsehbare Konsequenzen nach sich ziehen könnte.

Der letzte Countdown“ ist ein Film, der sich nicht gerade durch besondere inhaltliche Komplexität auszeichnet. Er stellt nicht wirklich tiefe moralische Fragen, die sich in Anbetracht der Handlung eigentlich aufgedrängt hätten, wie zum Beispiel der Frage nach der Verhältnismäßigkeit militärischer Eingriffe angesichts einer globalen Bedrohung. Gerade in unserer heutigen Zeit ist eben diese Problematik von brennender Aktualität: Ist Frieden um jeden Preis wirklich immer möglich und nötig? Muss man einem zu allen entschlossenen Feind wirklich seinerseits mittels massiver Waffengewalt Einhalt gebieten, weil es einfach nicht anders geht? Zu genau dieser Erkenntnis gelangt Captain Yelland, weswegen er schließlich nach einigen hin- und herüberlegen Befehl gibt das Kampfgeschwader der „Nimitz“ startklar zu machen und gegen die japanischen Jagdbomber vorzugehen, noch bevor sie ihr Ziel erreichen und dadurch eine unheilvolle Kette von Ereignissen in Gang setzen, die einerseits zwar Millionen Menschen das Leben kostet, aber anderseits entscheidend zum Untergang der Naziregimes und damit zum Ende des Zweiten Weltkrieges beiträgt. Doch noch bevor es zu dieser Entscheidungsschlacht kommt taucht der mysteriöse Sturm wieder auf und versetzt die „Nimitz“ zurück in die Gegenwart, so dass die Ereignisse genauso stattfinden wie es in den Geschichtsbüchern zu lesen ist.

Die spannende Frage was für Folgen es genau gehabt hätte wenn die Japaner tatsächlich von ihrem Angriff auf Pearl Harbour abgehalten worden wären wird leider nur gestreift. Lasky ist davon überzeugt, dass dies alle politischen Fehler, welche während und nach dem Krieg gemacht wurden verhindern würde, womit er sicherlich recht hat.

Doch womöglich hätte Hitler den Krieg dann gewonnen und, wie von ihm beabsichtigt, die ganze Welt erobert. So oder so, war es also wohl ausschließlich dem Einsatz von militärischer Gewalt zu verdanken, dass der Lauf der Welt in die Richtung ging, die wir alle kennen. Dies ist eine Botschaft, die für so manch friedensbewegten Zuschauer schwer zu schlucken sein wird. Es wird nicht mal nach einer friedlichen Lösung für das Dilemma, in dem sich die Crew der „Nimitz“ befindet gesucht. Stattdessen vermittelt der Film auf subtile Weise die fragwürdige Botschaft, dass derjenige, der die besseren Waffen hat am Ende moralisch im Recht ist.

In gewisser Weise kann man „Der letzte Countdown“ als eine Werbung für die US-Navy sehen, die das Projekt ja auch tatkräftig unterstützt hat. Man dürfte auf dem realen Schiff auf dem offenen Meer drehen und große Teile der Mannschaft wirkte als Statisten mitwirken. Auch wurden echte Jagdflugzeuge für die Produktion zur Verfügung gestellt. So ist es natürlich kein Wunder, dass der Film sich einer echten Antikriegsbotschaft verwehrt, den schließlich wollten sich die Macher des Streifens es sich nicht mit der amerikanischen Marine verscherzen, nachdem sie ihnen so großzügig mit Mensch und Material ausgeholfen hat. Dadurch wirkt der Film aber eben auch etwas kriegsverherrlichend. Man sieht die damals modernsten Kampfjets der Welt rasant durch die Lüfte fliegen und junge Matrosen, welche die Waffensysteme der „Nimitz“ mit kundiger Hand bedienen.

Ganz ähnlich wie im sechs Jahre später produzierten Blockbuster „Top Gun“ versucht der Streifen gezielt Werbung für die Marine zu machen, wenn auch auf eine weit weniger plakative Weise. Während Tony Scotts Actionspektakel auf eine grelle Werbeclipästhetik setzt wirkt „Der letzte Countdown“ streckenweise fast schon dokumentarisch.

Er nutzt das damals vor allem bei männlichen Jugendlichen so populäre Science-Fiction Genre, um sie für den Dienst bei den Streitkräften zur See zu begeistern. Hinzukommt, dass das Drehbuch amerikanischen Überlegenheitsfantasien eine Plattform bietet, indem es sich seines eher schlicht gestrickten Zeitreiseplots bedient, der die Möglichkeit eröffnet die technische Überlegenheit der US-Navy auf dramatische Weise zu demonstrieren. Doch trotz dieses für den eher anti-militaristisch eingestellten Teil des Publikums etwas irritierenden Beigeschmacks bietet der Film trotzdem kurzweilige und durchaus spannende, handwerklich sauber gemachte Unterhaltung. Zwar ist er beileibe kein Klassiker, hat aber eben auch mehr zu bieten als allzu platte Actiondramaturgie. Es ist solide Genrekost ohne Nährwert. Wenn man über die latent pro-militärische Botschaft hinwegsieht gibt es an dem Werk nichts auszusetzen.


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