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Unternehmen Capricorn (1978)

Avatar von Sven Wedekin

Eine Marslandung im Filmstudio

In wahrscheinlich keiner anderen Industrienation der westlichen Welt ist das Misstrauen in die eigene Staatsführung so stark ausgeprägt wie in den Vereinigten Staaten von Amerika.

Es gibt keine Verschwörungstheorie, und sei sie auch noch so abwegig, für die sich nicht wenigstens ein paar Leute fänden, die sie unhinterfragt für bare Münze nähmen. Sei es die Behauptung, die Terroranschläge vom 11. September seien von der Regierung selbst durchgeführt worden, um die Kriege in Afghanistan und dem Irak zu rechtfertigen oder das Präsident Kennedy von Agenten des CIA ermordet wurden, weil der Geheimdienst dessen liberale Entspannungspolitik gegenüber Kuba ablehnte.

Nicht zuletzt glaubt so mancher Amerikaner bis heute, die Mondlandungen hätten in Wahrheit nie stattgefunden und seien nur in einem Filmstudio inszeniert worden, und zwar von niemand geringeren als den legendären Regisseur Stanley Kubrick, welchen die NASA eigens für diesen Zweck angeheuert haben soll, da die Verantwortlichen von den realistischen visuellen Effekten in dessen Meisterwerk „2001 – Odyssee im Weltraum“ beeindruckt gewesen seien.

Und obwohl gerade diese Theorie ganz besonders abstrus klingt, gibt es erstaunlich viele Menschen, und das nicht nur in den USA, die bis heute einfach nicht glauben mögen, dass die NASA es wirklich fertig brachte insgesamt zwölf Männer erfolgreich auf den Erdtrabanten und sicher wieder nach Hause gebracht zu haben. So werden immer wieder – vor allem natürlich im Internet – angebliche Beweise dafür präsentiert, dass die Flüge der Apollo Missionen mit der Technik der sechziger Jahre so gar nicht möglich gewesen wären und auf vermeintliche Ungereimtheiten verwiesen, wie zum Beispiel der Tatsache, dass die US-Flagge, welche die Astronauten auf den Mond aufstellten, auf manchen Fotos im Wind zu flattern scheint, obwohl es auf dem Mond ja bekanntlich gar keine Atmosphäre gibt.

So mancher Durchschnittsamerikaner scheint kein Problem damit zu haben seinen Patriotismus mit einem tiefen Argwohn gegenüber staatlichen Institutionen im Einklang zu bringen, da sie diesen offenbar zutrauen die eigene Bevölkerung zu belügen und zu betrügen, wann immer es ihnen recht ist.

Eine Zeit voller Paranoia

Unternehmen Capricorn“ von Regisseur Peter Hyams entstand in einer Epoche, in der diese speziell amerikanische Form der Paranoia ihren Höhepunkt erreicht hatte. Es war das Jahr 1978, die Watergate Affäre lag erst wenige Jahre zurück, und das Vertrauen der Menschen in die Regierungsorgane befand sich auf einem Tiefpunkt, als Hyams eine Geschichte über eine groß angelegte staatliche Vertuschungsaktion präsentierte, gegen welche die vermeintlich gefälschte Mondlandung harmlos aussieht, denn ihn zog es in deutlich höhere Sphären. In seinem Film schickt sich die NASA an die erste bemannte Landung auf dem Mars durchzuführen.

Unter großen Medienrummel bereitet sich die Crew des Raumschiffs Capricorn One, bestehend aus den Astronauten Charles Brubaker, Peter Willis und John Walker, auf ihre historische Reise vor. Doch unmittelbar vor dem Start werden die Drei heimlich aus der Rakete geholt und zu einem versteckten Stützpunkt in die Wüste geflogen. Dort werden sie vom Missionsleiter James Calloway darüber informiert, dass ihre Raumkapsel mit einem fehlerhaften Bauteil ausgestattet war. Wären sie wie geplant zum Roten Planeten gestartet, wäre sie während des Fluges explodiert. Um sich eine Blamage zu ersparen, hat man beschlossen der Öffentlichkeit glauben zu machen, die Marslandung erfolgte wie geplant. Man rekonstruierte einen Teil der Oberfläche des Planeten in einem Studio, wo man das Ereignis nachstellen und den Menschen vor den Fernsehschirmen überall auf der Welt als vollen Erfolg präsentieren möchte.

Aber ganz so reibungslos wie die NASA Bosse es sich vorstellen, verläuft dieser Plan jedoch nicht.

Der abgehalfterte Zeitungsreporter Caulfield entdeckt Indizien, die daraufhin hindeuten, dass etwas mit den offiziellen Missionsberichten der NASA nicht stimmt und beginnt eigene Nachforschungen anzustellen. Doch schon sehr bald bringen ihm seine Recherchen in Lebensgefahr, denn die NASA scheint um jeden Preis verhindern zu wollen, dass die Wahrheit ans Licht kommt.

In der Zwischenzeit brechen die Astronauten aus, um der Welt die Wahrheit mitzuteilen und werden damit zu Gejagten.

Eine Frage des Glaubens

Obwohl „Unternehmen Capricorn“ bereits fast ein halbes Jahrhundert auf den Buckel hat, lässt sich nicht abstreiten, dass der Film auch heute noch von einer bestechenden Aktualität ist, denn auch unser sogenanntes postfaktisches Zeitalter zeichnet sich wieder durch eine weit verbreitete Skepsis gegenüber den Statements von Politikern und Journalisten zur allgemeinen Weltlage aus. Es ist bekannt wie leicht man Bilder auf jede erdenklich Art manipulieren kann, weswegen manch argwöhnische Zeitgenossen auch gesicherten Fakten nicht mehr so recht trauen mögen. In dieser Hinsicht war „Unternehmen Capricorn“ seiner Zeit weit voraus. Schon lange vor dem Zeitalter des Internets und der Meinungsmache durch soziale Medien, machte der Streifen deutlich, wie man die Massen durch geschickte Verfälschung der Realität hinters Licht führen kann. Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet Hollywood, das es mit der Wahrheit ja bekanntlich selbst nie so genau nahm, ein Werk in die Kinos brachte, welche die suggestive Macht des bewegten Bildes so kritisch hinterfragte.

Aber diese Botschaft hat natürlich auch eine Kehrseite: Die bereits erwähnten Verfechter der These, dass die Landung auf dem Mond nur eine Lüge wahr, werden sich durch einen Film wie diesen in ihrer Meinung erst Recht bestätigt fühlen. Manche von ihnen mögen gar vermuten, Peter Hymas sei selbst von eben jenen NASA Experten beraten worden, welche hinter dem vermeintlichen Mondfake steckten, was selbstverständlich ins Reich der Märchen gehört. Manchmal ist der Glaube an eine Lüge eben stärker als die Wahrheit. Gegen dieses Phänomen gibt es kein Mittel, schon gar nicht in Form eines Hollywoodfilms.

Doch unabhängig davon, inwieweit man bereit ist die Mondlandungen für die größte technische Leistung des zwanzigsten Jahrhunderts oder nur für einen groß angelegten Schwindel zu halten, bleibt festzuhalten, dass Hyams ein handwerklich bemerkenswerter Film mit einer erstklassigen Schauspielerriege gelungen ist. Der spätere „Ocean’s Eleven“ Star Elliot Gould brilliert als scharfsinniger Reporter Caulfield und James Brolin gibt dem Kommandanten der Marsmission Brubaker Profil. Kleiner Fun Fact am Rande: Gould war früher mit der weltbekannten Sängerin Barbra Streisand verheiratet, während Brolin deren heutiger Ehemann ist.

Der namhafte Charakterdarsteller Hal Holbrook hat mit seiner Rolle als intriganter NASA Chef Calloway die besten Dialogzeilen des Films, während Sam Waterston als Astronaut Willis die Handlung immer wieder mit seinen Witzchen auflockert. Markant ist auch die Besetzung von O.J. Simpson als John Walker. Der damalige Football Star machte ja viele Jahre später zweifelhafte Schlagzeilen als mutmaßlicher Mörder seiner Frau und deren Geliebten. Nicht zuletzt ist auch noch der als Kommissar Kojak bekannte Telly Savalas zu nennen, der als tollkühner Pilot einen nur kleinen, aber sehr denkwürdigen Auftritt hat.

Durch die für das Kino der siebziger Jahre typische, betont ruhige Machart erzeugt der Streifen beim Zuschauer eine subtile Spannung. Hyams kommt dabei fast ohne spektakuläre Actionszenen aus, abgesehen von einer wirklich bemerkenswert gefilmten Hubschrauberjagd gegen Ende, die gänzlich ohne Modeltricks realisiert wurde. Laut Aussage des Stuntpiloten Frank Tallman war dies die komplexeste und gefährlichste Flugsequenz, die bis zu diesem Zeitpunkt überhaupt je für einen Film gedreht wurde.

Und obwohl die NASA hier in einem sehr schlechten Licht gezeigt wird, hat sie sich dennoch dazu bereit erklärt der Produktion echtes Weltraumequipment zur Verfügung zu stellen, wie zum Beispiel Raumanzüge und den Nachbauten einer Raumkapsel und einer Landefähre in Originalgröße.

Profis bei der Arbeit

Der Film ist keine Dauerverfolgungsjagd im Stil der Jason Bourne Filme, sondern eine originelle, kühl und sachlich gehaltene Synthese aus Science-Fiction und Politthriller in der Tradition von Klassikern wie „Die Unbestechlichen“ oder „Die drei Tage des Condor“. Seine größte Stärke sind so auch die Dialoge, die oft von einem sarkastischen Humor durchsetzt sind. In diesen zeigt sich auch eine subtile Kritik am Fernsehjournalismus. Die Nachrichtenmacher und ihre Zuschauer vor den heimischen TV-Geräten sind nur allzu bereit die spektakulären Bilder von der Marsoberfläche einfach für bare Münze zu nehmen. Niemand kommt auch nur für eine Sekunde auf die Idee, das Gesehene kritisch in Frage zu stellen, zu sehr sind sie geblendet von der historischen Bedeutung des Ereignisses, welche vom US-Präsidenten höchstpersönlich in pathetischen Worten noch unterstrichen wird. Dass es ausgerechnet der Zeitungsreporter Caulfield ist, welcher die Wahrheit durch seine hartnäckige und auch lebensgefährliche Arbeit ans Licht bringt, ist somit wohl auch als Anerkennung des geschriebenen Wortes zu verstehen. Caulfield misstraut den Bildern eben auch wegen seines eigenen beruflichen Hintergrundes, und benutzt seinen eigenen Verstand, weswegen er die richtigen Fragen stellt, anstatt einfach der offiziellen Wahrheit zu glauben. Und gerade deshalb gräbt das von Hyams selbst verfasste Drehbuch sämtlichen Verschwörungsgläubigen das Wasser ab: Diese behaupten ja gebetsmühlenartig, dass man den Medien grundsätzlich nicht vertrauen kann. Doch „Unternehmen Capricorn“ zeigt auf, wie wichtig ein seriöser Journalismus ist, um der Wahrheit zu ihrem Recht zu verhelfen. Diese Einsicht ist heute wichtiger denn je.

Auch in technischer Hinsicht ist der Streifen nur zu loben:

Der Weiße Hai“ Kameramann Bill Butler erschafft toll komponierte Bilder, mit denen er einerseits die Macht der Bilder kritisiert und gleichzeitig selbst demonstriert. Es ist gerade diese für das Siebziger Jahre Kino übliche, betont nüchterne, fast dokumentarisch Machart, durch die der Streifen zum Nachdenken darüber anregt, ob das dargestellte Szenario womöglich nicht doch Realität ist…oder eines Tages werden könnte.

Und dann muss noch ein Wort zum Score von Jerry Goldsmith gesagt werden. Der Altmeister hat hier mal wieder gezeigt, warum er jahrzehntelang zu den gefragtesten Komponisten Hollywoods gehörte. Seine harten, treibenden Klänge unterstreichen die Dramaturgie des Films perfekt.

Vor dem Hintergrund all dessen kann man auch den ein oder anderen Logikfehler verzeihen, zum Beispiel das die Marskulisse eigentlich viel zu klein ist. Es liegt ja auch eine gewisse Ironie in der Tatsache, dass ein Film, der die Lückenhaftigkeit von Verschwörungstheorien offenlegt, selbst nicht frei von Handlungslücken ist.


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