© 1983 Orion Television | Orgolini-Nelson Production

Starflight One – Irrflug ins All

Avatar von Sven Wedekin

1983 war die große Zeit des Katastrophenfilms, die Anfang der siebziger Jahre mit „Die Höllenfahrt der Poseidon“ begann und mit Klassikern wie „Flammendes Inferno“ und natürlich „Erdbeben“ ihren Höhepunkt fand gerade am abklingen. Das Genre galt als auserzählt nachdem praktisch jedes denkbare Desaster von Flugzeugnotfällen, Schiffshavarien und Naturkatastrophen aller Art filmisch mal mehr und mal weniger erfolgreich, aber immer höchst effektvoll für die Leinwand in Szene gesetzt wurde.

Gleichzeitig setzte zu Beginn der achtziger Jahre eine ganz neue Ära der bemannten Raumfahrt ein, denn die NASA begann die ersten Flüge mit dem Space-Shuttle, dem ersten wieder verwendbaren Raumschiff der Welt. Damals herrschte eine große Euphorie unter Weltraumenthusiasten, auf einmal schienen die utopischsten Ziele, eben noch verrückte Science-Fiction Spinnerei, in der Realität umsetzbar. Die Ingenieure der amerikanischen Raumfahrtbehörde versprachen, dass mit dem neuen Shuttle System bis zu vierzig (!) bemannte Flüge pro Jahr möglich sein würden. Vor diesem Hintergrund erschien es nur noch eine Frage der Zeit bis der erste Astronaut seinen Fuß auf dem Mars setzen würde.

All dieser hoffnungsvollen Aussichten ließen auch die Produzenten in Hollywood hellhörig werden. Man dachte sich wohl es wäre naheliegend das neu erwachte Interesse an der Raumfahrt in einem dramatischen Mix aus Science-Fiction und Katastrophenfilm aufzugreifen, der nebenbei auch ein wenig im Kielwasser des durch „Star Wars“ entfachten Boom des phantastischen Genres mit schwimmen sollte.

Das Ergebnis dieser Überlegungen lief unter dem Titel „Starflight One – Irrflug ins All“ am 27. Februar 1983 als sogenannter „Movie of the Week“ auf dem Sender ABC über die US-Fernsehschirme:

Die Starflight One ist das erste Passagierflugzeug der Welt, welches mit dreifacher Überschallgeschwindigkeit zu fliegen vermag. Auf seiner Jungfernreise soll es vom erfahrenen Piloten Cody Briggs (Lee Majors) in nur zwei Stunden von Los Angeles nach Sydney gesteuert werden. An Bord befinden sich auch der Ingenieur Josh Gilliam (Hal Linden), der Starflight One entworfen und konstruiert hat und Codys Geliebte Erica Hansen (Lauren Hutton) sowie mehrere Vertreter der Medien.

Während des Fluges kollidiert die Maschine mit den Trümmerteilen einer kurz zuvor gesprengten Rakete, wodurch sich ihr Raketenantrieb nicht mehr ausschalten lässt. Starflight One verlässt daraufhin die Erdatmosphäre und treibt steuerlos im Erdorbit. Der Sauerstoff für die Passagiere reicht nur für maximal drei Tage weswegen die Techniker der NASA alle Hebel in Bewegung setzen um einen Weg zu finden sie schnellstmöglich zu retten. Nur das neue Space-Shuttle Columbia ist dazu fähig, doch nachdem mehrere Rettungsversuche dramatisch scheitern wird die Zeit immer knapper. Nur Josh Gilliam wäre in der Lage einen Einflugswinkel zu berechnen, durch den Starflight One aus eigener Kraft wieder in die Atmosphäre zurück gelangen könnte. Doch da er selbst an Bord gefangen ist, ist ein kühner Plan notwendig, um ihn herauszuholen…

Man merkt als kundiger Zuschauer sehr schnell, dass der Film keines der gängigen Klischees der Genres auslässt, was sowohl den Handlungsverlauf als auch die Charaktere betrifft. Unter der etwas zu routinierten Regie des Katastrophenfilmveteranen Jerry Jameson – von ihm wurde auch die „Airport“ Fortsetzung „Verschollen im Bermuda-Dreieck“ inszeniert – werden einige erfolglose Versuche die Passagiere aus ihrer misslichen Lage zu befreien durch exerziert, die größtenteils mit dem Tot einiger von ihnen enden bis schließlich die finale Rettung der übriggebliebenen Überlebenden gelingt. Auch die Figuren entsprechen sehr stark den wohlbekannten Konventionen des Katastrophenfilms: Der aufrechte Held, der feige Geschäftsmann, die gutaussehende Freundin des Helden, der findige Wissenschaftler, die komische Nebenfigur, die zum Retter in der Not wird und so weiter.

Starflight One“ wirkt über weite Strecken auf den Zuschauer als genau das, was er ist:

Ein Nachzügler des Katastrophenfilms in der Tradition der „Airport“ Reihe, als deren Quasi-Fortsetzung er mit Fug und Recht gelten kann. Und obwohl der Streifen über weite Strecken leidlich unterhaltsam ist will keine rechte Spannung aufkommen, was vor allem an den oft wirklich hanebüchenen Logiklöchern liegt, für die sich selbst ein Roland Emmerich schämen würde.

So kann das Shuttle Columbia bereits zwei Stunden nach seiner Landung wieder zu einem erneuten Einsatz in den Orbit aufbrechen. Im wahren Leben hätte es jedoch mindestens sechs Monate in Anspruch genommen die Raumfähre wieder startklar zu machen. Und damit nicht genug: Die Schwerelosigkeit in der Starflight One macht auch was sie will, in manchen Szenen scheint sie gar nicht vorhanden zu sein, so dass sich die Passagiere ganz normal in der Flugzeugkabine zu bewegen scheinen, ganz zu schweigen davon das die lange Haare der weiblichen Fluggäste stets nach unten fallen, während sie in Wirklichkeit aufgrund der mangelnden Schwerkraft nach oben abstehen würden. Dies würde im Film zwar recht schwachsinnig aussehen und wäre im Filmstudio auch technisch kaum realisierbar gewesen, ein Fehler ist es aber dennoch.

Der Gipfel des Blödsinns wird jedoch erreicht wenn Josh Gilliam mit einem gewöhnlichen Sarg (!) von Starflight One zur Columbia transportiert und plötzlich ein Loch in dessen Hülle gerissen wird (warum auch immer). Als der gute Josh sicher an Bord der Columbia angekommen ist teilt er deren verdutzter Crew mit, dass er sein Leben rettete, in dem er einfach seinen Finger hinein steckte. Man mag sich gar nicht ausmalen was für unschöne Konsequenzen es für Joshs Gesundheit gehabt hätte, wenn dieses Malheur im wahrem Leben passiert wäre, ein in das Loch gesteckter Finger hätte aber sicherlich kaum geholfen.

Natürlich ist das Katastrophengenre nicht gerade für seinen Realismus bekannt, logische Brüche gibt es praktisch in jedem Film dieser Gattung, aber „Starflight One“ überspannt den Bogen hier doch ganz gewaltig. Fast könnte man meinen die Macher des Films wollten ihr Publikum für dumm verkaufen. Über die Fehler des Streifens können auch die recht guten schauspielerischen Leistungen nicht hinwegtäuschen. Aber auch ein Lee Majors kann das schwache Drehbuch nicht retten, obwohl er sich wie alle seine Kollegen redlich bemüht.

Starflight One“ ist ein filmisches Kuriosum, hart an der Grenze zum Trash, aber für Fans der bemannten Raumfahrt durchaus nicht uninteressant, da er aus heutiger Sicht einen fast schon nostalgischen Rückblick in jene Zeit erlaubt, an der ein heute kaum mehr möglicher Optimismus hinsichtlich der Chancen der technischen Entwicklung vorherrschte. So ist der Film dann auch in erster Linie als eine Art überlanger Werbespot für die NASA im Allgemeinen und ihr Shuttle-Programm im Besonderen zu verstehen. Es ist nicht zu übersehen, dass die Behörde die Produktion tatkräftig unterstützte indem sie ihr Hardware zur Verfügung stellte und man ihr erlaubte Szenen auf dem Gelände des Luft- und Raumfahrtunternehmens Lockheed im kalifornischen Palmdale zu drehen. Auch die visuellen Effekte, die unter der Leitung von keinem geringen als „Star Wars“ Veteran John Dykstra gestaltet wurden sind durchaus als gelungen zu bezeichnen. Vor allem die Miniaturmodelle wirken auch auf den modernen Betrachter verblüffend real.

Doch trotz all dieser Bemühungen um Authentizität bleibt „Starflight One“ ein Streifen, der wohl zu recht mehr oder weniger in Vergessenheit geraten ist. Er ist ein erfolglos gebliebener Versuch an die goldene Zeit der Katastrophenfilms anzuknüpfen, der es aber nicht geschafft hat das Publikum wieder neu für dieses Genre zu begeistern, weswegen er heute bestenfalls noch für Nostalgiker einen Blick wert ist, schon allein deshalb weil er den seeligen Geist der Achtziger Jahre atmet.


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