Tron

Avatar von Sven Wedekin

Der Computerspieleentwickler Kevin Flynn (Jeff Bridges) ist auf der Suche nach Beweisen dafür, dass die Firma ENCOM unter ihrem Präsidenten Dillinger mehrere Ideen für Spiele von ihm gestohlen hat. Dazu dringt er zusammen mit seinen beiden Freunden Alan und Lora in das Forschungslabor von ENCOM ein. Beim Versuch sich in die Datenbanken des Unternehmens zu hacken unterläuft Flynn ein Fehler und sein Körper wird von einem Laser digitalisiert und in den Grid transferiert, einer digitalen Welt im Innern des ENCOM Zentralcomputers. In dieser virtuellen Realität leben die von den Menschen geschriebenen Programme als Wesen, die ihren Schöpfern äußerlich praktisch gleichen. Flynn muss in dieser Welt um sein Leben kämpfen, während er nach dem Programm Tron sucht, das von Alan geschrieben wurde, um ENCOMs Master Control Programm zu überwachen und auszuschalten. Hilfe bekommt er dabei von unerwarteter Seite…

Mitte der siebziger Jahre begann die große Zeit der Computerspiele. Pong, eine simple Tennissimulation, war der Urvater jener Unterhaltungsform, die sich heute zu einem Milliardengeschäft entwickelt hat. Anfang der achtziger Jahre waren sie jedoch nur ein Zeitvertreib für Spielhallen Besucher, denn Heimcomputer gab es damals noch nicht. Der Filmregisseur Steven Lisberger kam durch den Hype um diese neue Technik auf die verwegene Idee einen Film zu realisieren, dessen Geschichte zum größten Teil direkt im Inneren eines Computers spielen sollte. Nach dem Vorbild von Stanley Kubricks Klassiker „Spartacus“ schwebten ihn und seiner Co-Drehbuchautorin Bonnie MacBird eine Story über den Kampf intelligenter Programme gegen die Tyrannei eines mächtigen, alles beherrschenden Master Control Programms vor. Identifikationsfigur für das Publikum sollte Kevin Flynn sein, ein Mensch, den es ungewollt in diese ihm völlig fremde Welt verschlägt. Dieser wird vom damals noch relativ unbekannten Jeff Bridges entwaffnend sympathisch gespielt, wodurch es dem Zuschauer leicht fällt seine Verwirrung angesichts der seltsamen Welt, in der er ständig auf digitale Ebenbilder von ihm bekannten Menschen aus der Realität trifft nachzuvollziehen. So wir Flynn müssen auch wir erst die Regeln des Grid durch seine Augen lernen. Zugegebenermaßen wird dies durch die Regieführung Lisbergers erschwert, der eben nicht gerade der beste Geschichtenerzähler ist. Dem Film wird oft, und wohl auch zurecht, eine recht inkohärente Handlung vorgeworfen, was schade ist, da in der Grundidee viel Potential für spannende philosophische Ideen gelegen hätte. Tatsächlich wird Tron ja wie eine Art Erlöserfigur inszeniert, eine Art digitaler Jesus, der von einer aus seiner Sicht höheren Macht – dem Programmierer Alan – den Auftrag erhält den Grid vor dem Master Control Programm zu retten und den anderen Programmen des ENCOM Rechners die Freiheit zu geben. Da diese Programme wie bereits erwähnt äußerlich mit ihren Schöpfern – die hier stets beinahe ehrfurchtsvoll als User bezeichnet werden – identisch sind hätte das Drehbuch der Frage nachgehen können inwieweit wir Menschen selbst so etwas wie die Handlanger eines komplexen kapitalistischen Systems sind, für das wir tagtäglich arbeiten und dem wir ebenso wenig entkommen können, weil wir von dessen reibungslosen Funktionieren ebenfalls abhängig sind. Gleichsam ist dieses System auch von unseren funktionieren abhängig, ganz genau wie ein Computer auf die auf ihm laufenden Programme. „Tron“ hätte also somit gewissermaßen eine Art Vorfahr von „Matrix“ sein können, der der für uns realen Welt eine virtuelle Welt gegenüberstellt, in der wir – oder besser gesagt unsere geistigen Schöpfungen – nur Sklaven sind, ohne zu dessen freilich bewusst zu sein.

Lisberger und seinen Team ging es aber in erster Linie darum einen Film zu produzieren, der das Publikum mit seinen extravaganten, in dieser Form nie gesehen Bildern das Staunen lehren sollte, was ihm ganz zweifellos auch gelungen ist. Die Bilder von „Tron“ sind wahrlich mit nichts zu vergleichen, was bis zu diesem Zeitpunkt im Kino zu sehen gewesen war. Natürlich wirken die computergenerierten Landschaften des Grid auf den modernen Betrachter heute doch eher putzig als spektakulär. Verglichen mit den modernen Möglichkeiten der CGI Technik, die zum Beispiel in den Produktionen von Marvel oder den neuen „Star Wars“ Filmen demonstriert werden, wirken die artifiziellen Bilder von „Tron“ geradezu altbacken. Allerdings sollten wir hier nicht allzu streng mit dem Streifen sein. Obwohl die Technologien, die damals bei den Dreharbeiten genutzt wurden heute obsolet sind strahlen die Bilder eine ganz eigene Faszination aus, der sich selbst ein heutiger Zuschauer kaum entziehen kann, denn selbst heute noch muss man über die Phantasie staunen, die seine Macher in ihr Werk gesteckt haben. Man kann schon sagen das „Tron“ mehr Seele besitzt als moderne Effektfilme, eben gerade wegen seines für uns so altmodischen Looks. Auch muss man im Hinterkopf behalten, dass die Effekte im Jahr 1982 absolut bahnbrechend waren und viele an der Produktion beteiligte Künstler später zu treibenden Kräften in der digitalen Revolution der Filmindustrie wurden, wie zum Beispiel Chris Wedge, dem Erfinder des „Ice Age“ Franchises, und dies obwohl in nur etwa 20 Minuten von „Tron“ tatsächlich echte CGI’s zu sehen sind. Für den Großteil des Films bediente man sich einer Technik namens Backlit Animation, bei der die Schauspieler zunächst in Schwarz-Weiß gefilmt wurden. Anschließend wurden diese Aufnahmen aufwendig und meistens von Hand koloriert. Jedes Bild wurde einzeln abfotografiert, wobei das Licht von hinten hindurch strahlt. Die für den Streifen so typischen, einzigartigen Leuchteffekte wurden nur dieses eine Mal in einer solchen Masse in einem Kinofilm eingesetzt. Letztlich muss man aber festhalten, dass „Tron“ in erster Linie ein klassischer Zeichentrickfilm ist, bei dem nur die angewandten Techniken innovativ waren und dadurch den nur den Anschein echter Computeranimation erweckten.

Besondere Erwähnung verdient auch der außergewöhnliche, komplett mit Synthesizern erstellte Soundtrack der Komponistin Wendy Carlos, die zuvor auch für „Shining“ von Stanley Kubrick Klangwelten erschuf, die ihre gruselige Wirkung nicht ferfehlten. Im Fall von „Tron“ verstärken sie noch die bizarre Atmosphäre und bereichern den Film dadurch enorm. Mehr noch als es ein normaler, orchestraler Score es erreicht hätte, bildet er mit den virtuellen Bildern eine organische Einheit. Dasselbe gilt auch für die originellen Soundeffekte.

Aber wie bereits oben erwähnt können all diese technischen Innovationen nicht mit der Handlung mithalten. Der Film ist vor allen eine einzige große visuelle Attraktion, eine Leistungsshow des damals tricktechnisch Machbaren. In dieser Hinsicht kann man ihn mit Fug und Recht wirklich als einen Meilenstein der Filmgeschichte bezeichnen. Aber, dass er die Möglichkeiten, welche in ihm lagen auch in dramatischer Sicht nie komplett ausreizt sorgt eben trotzdem für einen faden Beigeschmack. Man kann wirklich nicht behaupten, dass „Tron“ ein zeitloser Film ist, der gut gealtert wäre. Doch gerade das ist es ja, was wirklich große Kunst auszeichnet: Das sie die Zeiten überdauert, sich nicht um Modeerscheinungen schert und dem Publikum auch nach Jahrzehnten etwas über die Gegenwart zusagen hat, weil sie selbst außerhalb der Zeit existiert. „Tron“ hingegen ist ein Produkt seiner Zeit, gleichsam ein filmisches Relikt. Sich ihn anzusehen bedeutet eine Reise in eine Epoche zu unternehmen, in der Computer noch als wahre Wunderapparate galten, mit denen buchstäblich alles möglich war und deren latente Gefahren man noch nicht wahrnahm. Erst viele Jahre später, spätestens mit der Erfindung der KI wurde der unbedarfte Blick des Menschen auf die von ihm erfundenen elektronischen Helfer kritischer.

Tron“ hatte zwar das Potential auf eben diese Gefahren aufmerksam zu machen, doch wurde dies zugunsten einer schlichten Gut gegen Böse Story verschenkt. Wenn man nicht mehr vom dem Streifen erwartet, kann man aber durchaus gut von ihm unterhalten werden. Wer hingegen ein wahres Meisterwerk des Science-Fiction Genres erwartet, das dem Horizont erweitert und zum Nachdenken anregt, wird wohl eher enttäuscht werden. „Tron“ ist aus heutiger Sicht vor allem ein filmisches Kuriosum, dessen Faszination man als moderner Zuschauer vielleicht nicht auf Anhieb versteht, aber das auf alle Fälle noch immer einen Blick wert ist.

 


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